Argentinien: Ein Land ist pleite

  • Vatikanstadt - 04.08.2014

Es ist das Heimatland des Papstes, des Tangos und des Steaks: Argentinien ist technisch gesehen pleite. Faktisch hat das Land mit der zweitgrößten Volkswirtschaft Südamerikas aber Geld in der Kasse. In der vergangenen Woche kam das vernichtende Urteil des amerikanischen Gerichtshof: Das Land ist bankrott.

In der Nacht auf Donnerstag war es so weit – um Punkt Mitternacht in New York: Im jahrelangen Gerichtsverfahren zwischen Argentinien und zwei amerikanischen Hedgefonds konnten sich die Streitparteien nicht einigen und der zuständige Richter zog einen Schlussstrich. Thomas Griesa, so der Name des amerikanischen Richters, blockierte die bis dahin fällige Ratenzahlung des Landes an andere Gläubiger. Argentinien bekam also zum zweiten Mal in 13 Jahren den Stempel der Staatspleite verpasst, weil es die Rückzahlung von 539 Millionen Dollar (403 Millionen Euro) an Staatsschulden bei internationalen Gläubigern versäumte. Zwei Rating-Agenturen – Fitch und Standard-Poor''s – haben daraufhin die argentinische Kreditwürdigkeit auf das Niveau eines „teilweisen Zahlungsausfalls“ gesenkt. Diese Bewertung bedeutet, dass ein Schuldner eine Anleihe oder Kreditrate nicht fristgerecht zurückzahlt, aber andere Verpflichtungen weiter erfüllt.

Kirche in Sorge

Für die Kirche in Argentinien ist das ein Grund zur Sorge, aber auch zu Vorsicht. So nennt es Bischof Jorge Eduardo Lozano, Präsident der Kommission für Sozialpastoral in der Argentinischen Bischofskonferenz, gegenüber „Vatican Insider“. Angesichts des offenen Ausgangs müsse man die weiteren Entwicklungen abwarten. Sie hoffen natürlich, dass es nun keine Verschlechterungen für die Beschäftigten im Land und die Situation der Menschen geben wird, die ohnehin bereits von Armut betroffen sind.

Papst Franziskus hat am 26. Mai 2014 die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besucht. KNA

Eine „nur auf Spekulationen gegründete Wirtschaft“ wurde von der argentinischen Bischofskonferenz schon öfters kritisiert. Damit sei man auch auf der Linie von Papst Franziskus, der in „Evangelii gaudium“ einen unkontrollierten Kapitalismus, der zu Exklusion und Ungleichheit führt, mehrmals verurteilt hatte.

Jorge Milia, der argentinische Journalist und Autor, der Mitte der 1960er Jahre Schüler des Papstes im Colegio de la Inmaculada Concepcion in Santa Fe in Argentinien war, kommentierte für Radio Vatikan die aktuelle Situation vor Ort:

„Die Situation ist nicht einfach. Ich denke, die Menschen haben keine wirkliche Vorstellung von dem was hier passiert. Es hat auch die Präsidentin im Fernsehen gesprochen und sie hat diese argentinische Vorstellung. Wir, die Argentinier, sind sozusagen die Guten und alle anderen wollen uns etwas Böses. Aber das ist natürlich nicht so. Die Präsidentin und der Wirtschaftsminister Axel Kiciloff müssen beide lernen und verstehen, dass sie nicht gegen diese Entscheidung ankämpfen können.“

Präsidentin Kirchner weist Schuld von sich

In einer TV-Rede an das Volk hat die argentinische Präsidentin Cristina Kirchner den Fonds die Schuld gegeben. „Wir leben in einer zutiefst ungerechten und zutiefst gewaltsamen Welt“, sagte Kirchner in dieser Rede. Die Forderungen der Fonds seien eine „Gewalt“ sagte Kirchner und sie verglich die Forderungen der Hedgefonds mit „Raketen in einem Krieg“, da „finanzielle Raketen ebenfalls töten“. Sie forderte ihre Landsleute auf, „ruhig zu bleiben“. Argentinien werde alle Rechtsmittel ausschöpfen, meinte sie. Laut Milia werden dennoch Konsequenzen für das Volk spürbar werden:

„Die Konsequenzen werden nicht sofort eintreten: 500.000 mehr werden vielleicht ohne Arbeit sein, eine hohe Inflation wird folgen, und das wird ein Problem für die Industrie, und natürlich wird es die kleinen Industriellen treffen.“

Die derzeitige Situation sei „glücklicherweise völlig anders“ als die Staatspleite, die Argentinien 2001 ins Chaos gestürzt hatte, betonte hingegen der Bischof Jorge Eduardo Lozano. Damals sei das Land institutionell viel schwächer gewesen, der Staat „gelähmt“ und jegliches Vertrauen in ihn zerstört. Die Kirchen hätten sich damals aktiv am Wiederaufbau beteiligt: Sie habe gesamte Familien mit Nahrung versorgt, Caritas-Tauschbörsen für Gegenstände des täglichen Bedarfs und Arbeitsvermittlung initiiert und einen Dialog für die Einführung von Reformen ins Leben gerufen. Als Erbe dieser Zeit werde bis heute jährlich eine „Soziale Woche“ abgehalten.

© Radio Vatikan

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