„Die Kämpfe müssen aufhören“

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  • Bonn - 29.07.2014

Seit der Eskalation der Gewalt zwischen Aufständischen und Regierungstruppen im Südsudan sind 1,5 Millionen Menschen vertrieben worden. Nun wird die Nahrung in dem Land im Nordosten Afrikas knapp, weil die Felder vor Beginn der Regenzeit nicht bestellt wurden. Laut Schätzungen der Vereinten Nationen sind deswegen 3,5 Millionen Menschen vom Hunger bedroht. Sandra Bulling von der Hilfsorganisation CARE war drei Wochen lang im Südsudan unterwegs. Im Interview sprach sie über katastrophale hygienische Zustände in den Flüchtlingslagern, die Angst vor einer Nahrungsmittelkrise und die Hoffnung auf ein Ende des Konflikts.

Frage: Frau Bulling, Sie waren unter anderem im Norden des Landes unterwegs – welche Eindrücke haben Sie gewonnen?

Bulling: In der Provinzstadt Bentiu wurde bereits vor Ausbruch des Konflikts im Südsudan von UN-Friedensarbeitern eine Basisstation eingerichtet. Weil immer mehr Menschen sich dorthin flüchteten, wurde diese Zone erweitert. Mittlerweile leben dort zwischen 40.000 und 50.000 Menschen in einer Art Flüchtlingslager. Gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen unterstützen die Vereinten Nationen diese Menschen mit Planen, Wasser, Nahrungsmitteln und Medikamenten. Allerdings liegt das Gebiet in einem Sumpf, was die Arbeit deutlich erschwert. Zurzeit herrscht die Regenzeit im Land. Da stand man schon mal fast im kompletten Lager bis zu den Knöcheln im Wasser.

Frage: Was heißt das für die Arbeit der Helfer?

Bulling: Derzeit gelangt man wenn es regnet nur mit dem Hubschrauber in die Region. Wir können fast nichts einfliegen, weil die großen Frachtmaschinen dort nicht landen können – es ist eine einzige Schlammpiste. Die Helfer mussten sich die ganze Zeit in Gummistiefeln fortbewegen, Autos konnten nicht mehr fahren, weil sie im Schlamm steckenblieben. Das Wasser lief in die Hütten. Und unser Ernährungszentrum für unterernährte Kinder wurde überschwemmt. Die hygienischen Bedingungen sind auch sehr schlecht, das Lager ist ein sanitärer Alptraum.

Sandra Bulling von CARE International war drei Wochen lang im Südsudan unterwegs. KNA

Frage: Klingt nicht gerade optimistisch.

Bulling: Immerhin bekommen die Menschen hier medizinische Versorgung und Nahrungsmittel. Viel schlimmer ist die Lage außerhalb des UN-Geländes. Viele Menschen sind aus Angst vor den Kämpfen in den Busch geflüchtet. Zu ihnen haben wir gar keinen Zugang. Auch unsere mobile Klinik kann oft nicht aus dem Lager hinausfahren, weil es zu gefährlich ist. Für Lebensmittelverteilungen ist eine ganze Hilfsmaschinerie notwendig, doch dafür fehlen die Gelder.

Frage: Was ist mit den Geldern der Geberländer?

Bulling: Im Mai veranschlagten die Geberländer in Oslo nötige Hilfsgelder in Höhe von rund 1,3 Milliarden Euro. Davon ist gerade einmal die Hälfte hier eingetroffen. Es ist angesichts der aktuellen Nachrichtenlage auf der Welt auch nicht einfach, die Aufmerksamkeit auf den Südsudan zu lenken. Andere Konflikte wie in Gaza und der Ukraine stehen stark im Vordergrund.

Frage: Wie sehen sie die politische Lage im Südsudan?

Bulling: Eigentlich gab es ein Waffenstillstandsabkommen, was aber nicht eingehalten wird. Es wird in mehreren Gegenden im Südsudan wieder gekämpft. Während meines Aufenthalts war ich auch in der Region Uror und konnte dort Bombeneinschläge und Gefechte hören. Am 10. August ist der Stichtag, dann müssen sich die Regierung und die Opposition auf eine Art Übergangsregierung einigen. Wenn das nicht gelingt, wird das Land wohl in einen fortlaufenden Konflikt abgleiten und die Kämpfe gehen weiter.

Frage: In wenigen Wochen geht die Regenzeit zu Ende. Wie ist es um die Landwirtschaft bestellt?

Bulling: Obwohl der Südsudan ein sehr grünes und fruchtbares Land ist, fallen viele Ernten aus, weil die Menschen erst gar nichts ausgesät hatten. Sie sind zum Teil zu Fuß aus ihren Dörfern geflohen, nur mit dem nötigsten am Leib. Ihre Felder haben sie zurückgelassen. Wir verteilen zwar Saatgut an die Familien, die in den UN-Lagern hausen. Doch im Grunde ist es schon zu spät, da es Monate dauern wird, bis die Ernte reif ist. Und die wird wohl nicht ausreichen, um ganze Familien zu ernähren.

Frage: Wie kann man also noch gegen eine Hungersnot steuern?

Bulling: Besonders die umkämpften Regionen sind von der Hungersnot bedroht. Wir müssen weiter dafür sorgen, dass unterernährte Kinder, aber auch Erwachsene Zusatznahrung bekommen. Bevor der Regen aufhört, müssen wir zudem weiter Saatgut verteilen, damit noch etwas angebaut werden kann. Es braucht Wasser und medizinische Hilfe. Unterernährung ist oft auch eine Folge von schlechten hygienischen Bedingungen. Wir müssen also verhindern, dass die Kinder Durchfall bekommen und krank werden. Das alles kann nur geschehen, wenn die Hilfsorganisationen mehr finanzielle Unterstützung bekommen und die Kämpfe endlich aufhören.

Das Interview führte Claudia Zeisel.

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