Drei Jahre unabhängig – und tausend Sorgen

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  • Vatikanstadt - 09.07.2014

In Leuchtschrift war der Schriftzug „Free at last“ – Endlich frei – in der neuen Hauptstadt Juba zu lesen. Am 9. Juli 2011 feierte der Südsudan seine Unabhängigkeit nach fünf Jahrzehnten Krieg mit dem Norden. Lichter, Tänze, Trommeln – manche warteten ihr Leben lang auf diesen Moment. Nun sind drei Jahre vergangen nachdem Präsident Salva Kiir seinen Amtseid vor Zehntausenden Bürgern abgelegt hatte – und ein grausamer Bürgerkrieg hinterlässt täglich seine Spuren.

Marina Peter, die sich seit 30 Jahren mit den Problemen des Sudans beschäftigt und derzeit für das ökumenische Netzwerk Sudan Focal Point im Bereich der politischen Analyse und im Kampf für die Friedens- und Menschenrechte tätig ist, war damals bei der Unabhängigkeitsfeier dabei:

„Ich habe so etwas in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt und werde so etwas auch nicht nochmal erleben, diese überwältigende Freude. Wenn man überlegt, woher sie gekommen sind! Sie sind aus einem ganz langen Krieg gekommen, aus einer Situation, wo sie sich für Jahrzehnte unterdrückt gefühlt hatten von der Regierung in Karthum. Sie fühlten sich dort als Fremde in ihrem eigenen Land. Und diese Entscheidung zu sagen, ‚Wir möchten gerne ein eigenes Land sein‘, ‚Wir gehören nicht in eine Umgebung, die sich überwiegend arabisch und islamisch gebärdet‘, die hat noch niemand in Zweifel gezogen.“

Alte Wunden und neue Traumata

Was jedoch in Frage gestellt wird, ist die Zukunftsperspektive des Landes. Drei Jahre nach der Unabhängigkeit des Südsudans gibt es eben weniger zu feiern als davor. Der Bürgerkrieg habe seine Folgen hinterlassen, neue Traumata geboren. Menschen mussten flüchten vor den Konflikten und den Gräueltaten, die viele mit dem Völkermord in Ruanda vergleichen. Sie wurden ausgelöst durch die ethnischen Konflikte, die so tief sitzen und über Jahre hinweg zu keiner Aussöhnung geführt haben.

„Wir haben eine zutiefst traumatisierte Gesellschaft im Südsudan durch den langen alten Krieg und durch den neuen gibt es eine Retraumatisierung. Wir haben eine Situation, wo sich eine Nation erst bilden muss. Was wollen wir für einen Südsudan, müssen sich die Menschen im Südsudan fragen. Das sind Dinge, die wir bei der Unabhängigkeit von anderen Ländern genauso auch gesehen haben. Eben auch in Europa – denken Sie an den 30-Jährigen Krieg, und es ist nie friedlich gewesen. Die Fragestellungen, die sich derzeit so gewaltsam äußern im Südsudan, sind keine neuen. Für langzeitige Beobachter des Landes kommen sie nicht überraschend.“

„Es gibt noch keine gemeinsame südsüdanesische Identität.“

— Marina Peter, ökumenisches Netzwerk Sudan Focal Point
Flüchtlinge in der südsudanesischen Hauptstadt Juba in einem Lager der Vereinten Nationen. KNA

Was hat sich nun verändert in diesen drei Jahren? Angesichts der vielschichtigen Kriegsinteressen und der langen Konfliktgeschichte schien die Abspaltung des Südsudan zu einem eigenständigen Staat der vielversprechendste Weg in eine friedlichere Zukunft. Die dafür benötigte Volksabstimmung wurde 2011 im Süden durchgeführt und ergab eine fast einstimmige Befürwortung der Unabhängigkeit. Seit dem 9. Juli 2011 existierten mit Sudan und Südsudan nun also zwei getrennte Staaten, welche jeweils dem Großteil der arabischen (Norden) und schwarzafrikanischen Völker (Süden) eine eigene Heimat geben.

„Man hatte eine einende Klammer: das Entgegenfiebern des Referendums und das Entgegenfiebern der Unabhängigkeit. Diese einende Klammer ist mit der Unabhängigkeit weggefallen und es ist noch nichts neues entgegen gesetzt worden. Also, es gibt noch keine gemeinsame südsüdanesische Identität.“

Drohende Hungersnot

Die nächste Katastrophe ist bereits programmiert: Eine Hungersnot steht bevor. UN-Organisationen prognostizieren ihren Beginn schon für die kommenden Wochen. Die landwirtschaftliche Saison gibt es nicht – infolge des Bürgerkriegs.

„Die angekündigte Katastrophe: Wenn die Waffen nicht schweigen und die Regenzeit einsetzt, kann man die Menschen nicht mehr erreichen. Das war klar. Die Menschen können nichts anbauen – mussten flüchten wegen der anhaltenden Kämpfen oder wegen des Regens.“

Der Fall der zu Tode verurteilten Christin Meriam habe nun nochmals gezeigt, dass es Christen nicht nur im Südsudan gibt, sondern auch noch im Sudan. Das werde oft vergessen, meint Peter. Leider sei es so, dass im Sudan nicht nur die Christen, sondern alle Minderheiten verfolgt würden, was sich seit der Unabhängigkeit des Südsudans verschlimmert habe. Der Fall der Christin hat nun eben die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass Menschen aufgrund ihres Glaubens verfolgt und benachteiligt werden. Laut Peter werden die Feiern zur Unabhängigkeit im Südsudan nicht abgesagt, aber der Jubel wird auf jeden Fall leiser sein.

„Ich denke, viele Gedanken werden in viele Richtungen gehen und der Jubel, der schon letztes Jahr relativ verhalten war, wird sich in Grenzen halten.“

© Radio Vatikan

„Ich erwarte nichts Gutes“

Im Interview mit dem Internetportal Weltkirche sprach Pater Gregor Schmidt im Februar 2014 über die Lage im Südsudan und blickte dabei mit Sorge in die Zukunft.

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„Wo sollen sie hin?“

Pater Gregor Schmidt im Interview mit dem Südwind-Magazin (März 2014) über die Ursachen des Konflikts:

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Christliche Verkündigung mitten im Bürgerkrieg

Im Interview mit dem Institut für Weltkirche und Mission (10.02.2014) spricht Pater Gregor über seine Missionsarbeit bei den Nuer:

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Hintergrund

Auf der Webseite der Comboni-Missionare finden Sie stets aktuelle Nachrichten aus dem Südsudan:

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Im Rundbrief von Pater Gregor vom 8. Januar 2014 lesen Sie eine umfangreiche Analyse der Ursachen des Konflikts im Südsudan:

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Ein weiteres Hintergrundpapier finden Sie beim Netzwerk Afrika Deutschland (NAD):

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Nachrichten aus dem Südsudan – zusammengefasst von Pater Gregor und seinem Mitbruder Raymondo Rocha:

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Botschaft des südsudanesischen Kirchenrats zu den Machtkämpfen in Juba (DOC) (17.12.2013):

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