„Die Regierung wird jetzt liefern müssen“

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  • Essen - 09.07.2014

Nach dem schockierenden 1:7-WM-Aus gegen Deutschland ist es in Brasilien zu Ausschreitungen gekommen. „Akuter Frustabbau“, meint Klemens Paffhausen (55), Länderreferent des katholischen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat. Allerdings sagt er im Interview voraus, dass die Sozialproteste für mehr Bildung, Gesundheitsversorgung und sozialen Wohnungsbau nach dem Ende der WM in organisierter Form wieder beginnen werden.

Frage: Herr Paffhausen, Brasilien hat in Belo Horizonte gegen Deutschland ein Waterloo erlebt. Ist das schon mental verarbeitet?

Paffhausen: Ganz Brasilien ist im Moment in einer absoluten Schockstarre – und muss das erst mal verdauen. Das war ja eine historische Niederlage, wie man gestern auch an der Fassungslosigkeit gesehen hat, etwa in Spielerinterviews.

Frage: Punktuell hat sich auch schon Wut über die hohe Niederlage in Ausschreitungen Bahn gebrochen. Wagen Sie eine Prognose, ob die Sozialproteste und -unruhen, die ja während der WM verstummt waren, nun wieder aufbrechen?

Klemens Paffhausen ist Brasilien-Referent beim Hilfswerk Adveniat. Martin Steffen/Adveniat

Paffhausen: Ich gehe davon aus, dass das zunächst ein akuter Frustabbau war – und wenig oder gar nichts mit den organisierten Protesten zu tun hat, wie wir sie vor der WM erlebt haben. Spätestens nach der WM werden diese Proteste sicher wieder neu aufgenommen, und zwar in organisierter Form. Und dann werden sie sich wieder ganz speziell um die Themen Gesundheit, Verkehr und Bildung kümmern.

Frage: Das wird also kommen?

Paffhausen: Da bin ich ziemlich sicher. Es stehen ja noch zwei Großereignisse an: die Wahlen im Herbst und die Olympischen Spiele 2016. So wie wir die Protestbewegung kennengelernt haben, wird sie organisiert und durchaus friedlich, aber energisch die Themen vorantreiben, die das brasilianische Volk betreffen.

Frage: Das Turnier ist jetzt fast zu Ende. Wird den Armen, etwa den Menschen aus den für die WM geräumten Vierteln, dann die Rechnung präsentiert? Oder glauben Sie, dass die Regierung ihre Zusagen etwa für Wohnungen und Bildung einhalten wird?

Paffhausen: Die Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff steht schon ziemlich unter Druck – zumal wenn jetzt das berauschende WM-Fest wegfällt. Sie wird liefern müssen. Die ganzen Proteste finden dann auch wieder ihren Ort, an den sie eigentlich gehören: die Politik, das politische Tagesgeschäft. Die Forderungen der Bevölkerung werden nicht verstummen. Ob die Regierung tatsächlich alles erfüllen kann; ob die finanziellen Mittel da sind und auch in die richtigen Kanäle geleitet werden, ist natürlich die Frage. Aber ich bin da verhalten optimistisch. Die ganze Sozialbewegung ist für mich auch immer ein Zeichen einer sehr positiven demokratischen Entwicklung in Brasilien.

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Frage: Ich habe den Eindruck, dass die deutschen Medien nach dem anfänglichen Dauer-Hurra nun gegen Ende der WM stärker auch die Menschen am Rand des großen Spektakels in den Blick nehmen.

Paffhausen: Das deckt sich mit meinen Beobachtungen. Zunächst hat man den Spielen unbeschwerten Lauf gelassen. Aber zuletzt kamen auch die sozialen Dinge in den Blick. Am Dienstag etwa wurden Fußballspieler gezeigt, die in Favelas aufgewachsen sind und sich dort immer noch zuhause fühlen. So etwas hätte ich mir schon früher gewünscht – zumal es an Anregungen und Orten nicht gefehlt hat. Man braucht von den Übertragungswagen nur ein paar Straßenecken weiterzugehen, um direkt mit den Menschen über ihre Alltagssorgen sprechen zu können. Es ist gut, wenn nun weltweit noch Kritikpunkte deutlich werden können, etwa mit Blick auf die FIFA, auf solche Großereignisse und den ganzen Kommerz drum herum.

Frage: Die von Adveniat mitinitiierte Aktion „Steilpass“ hat ebenfalls den Blick auf die Menschenrechte in Brasilien gerichtet. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Paffhausen: Die Aktion zeigt: Die Brasilianer sind in diesem Prozess nicht allein; sie haben eine große Allianz. Die Kirche vor Ort ist sozial sehr kritisch eingestellt, aber auch proaktiv. Ganz wichtig ist, dass es auch internationalen Rückhalt gibt. Für die Zukunft werden sich Veranstalter und Öffentlichkeit sicher sehr viel kritischer mit solchen Großereignissen auseinandersetzen. Insofern wird auch die Aktion „Steilpass“ noch eine sehr positive Wirkung entfalten. Ob in der sozialen Protestbewegung der Fußball Dreh- und Angelpunkt bleibt, werden wir sehen, wenn das Finale vorbei ist. Mit „Steilpass“ bleibt Adveniat jedenfalls für die Menschen in Brasilien am Ball.

Das Interview führte Alexander Brüggemann.

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