Glaube im Untergrund

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  • Sankt Augustin - 04.07.2014

Die Menschen in Hongkong kämpfen für ihre demokratischen Rechte. Fast 800.000 Einwohner der Sieben-Millionen-Metropole haben sich an einem inoffiziellen Referendum für mehr Demokratie in der chinesischen Sonderverwaltungsregion beteiligt. China hat „keine andere Wahl, als sich weiter zu öffnen“, sagt der Bischof der Diözese Hongkong, Kardinal John Tong Hon (74), im Interview.

Frage: Herr Kardinal, in Hongkong gärt es. Mit Demonstrationen und einem Referendum fordern die Menschen mehr Mitsprache. Was steckt hinter dem Konflikt?

Tong: Die Menschen wollen den nächsten Regierungschef von Hongkong 2017 erstmals frei wählen und vor allem auch frei nominieren können. Viele fragen sich: Was nützt uns eine freie und demokratische Wahl, wenn die aufgestellten Kandidaten vorher von der chinesischen Regierung ernannt werden? Sie meinen, es sollte ein Komitee aus der Mitte der Bevölkerung geben, das die Kandidaten für die Wahlen bestimmt. Viele Hongkonger kritisieren, dass die Regierung in China durch ihre Vorentscheidungen versuche, die Wahlen zu manipulieren.

Frage: Wie sieht die Kirche diese Frage?

Tong: Verschiedene demokratische Gruppen wollen die Hongkonger mobilisieren, denn davor hat die Regierung Angst. Sie versprechen sich davon, dass solche öffentlichen Demonstrationen den Druck auf die Machthaber erhöhen, weil sie die Wirtschaftsbeziehungen Chinas beeinträchtigen können. Kein System auf der Welt ist perfekt, auch nicht das demokratische, aber die Demokratie ist das beste System, das wir haben. Nach der Lehre der katholischen Kirche ist die Demokratie ein hohes Gut, das wir als Kirche verteidigen müssen. Nicht mit Gewalt, sondern im Dialog.

Mehr als zwei Milliarden Menschen auf der ganzen Welt teilen mit uns den gleichen Glauben an den dreieinen Gott und beten zu ihm. Melters/Missio

Frage: Immer noch haben Christen in China Angst, ihren Glauben zu leben. Die staatlich zugelassene offizielle Kirche, die Patriotische Vereinigung der Katholiken Chinas, wird kontrolliert. Und dann gibt es die Untergrundkirche, die für eine kompromisslose Gemeinschaft mit dem Papst eintritt. Erschwert das den Dialog?

Tong: Wir bräuchten keine Untergrundkirche in China, wenn die Regierung Religionsfreiheit praktizieren würde. Es gibt zwar einen Artikel in unserer Verfassung, in dem die Glaubensfreiheit bestätigt wird, aber für religiöse Aktivitäten braucht man die Erlaubnis der Regierung. Die Religionen sind dem Staat untergeordnet und seiner Kontrolle unterworfen. Zum Beispiel versucht die Regierung, die Wahlen der Bischöfe zu beeinflussen. Zwar unterstützt sie Kirchenbauten der staatlich genehmigten offiziellen Kirche finanziell großzügig. Im Gegenzug dazu fordert sie jedoch Stillhalten. Außerdem versucht sie, ihre eigenen Leute in die Gremien einzuschleusen, um die Menschen bei der Ausübung ihrer Religion zu manipulieren. Das kann die Untergrundkirche nicht akzeptieren.

Frage: Wie sehen Sie Chinas Kirche in der Zukunft?

Tong: Ich glaube, dass China keine andere Wahl hat, als sich weiter zu öffnen. Die Menschen erfahren schnell über das Internet, was außerhalb Chinas passiert. Damit kann auch der Druck auf die chinesische Regierung wachsen. Ich habe die Hoffnung, dass bald alle Christen in China ihren Glauben offen leben können.

Von Kerstin Bücker

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Arbeitshilfe

Die Inititative „Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen in unserer Zeit“ der Deutschen Bischofskonferenz hat im Jahr 2008 eine Arbeitshilfe zur Situation der Christen in China herausgegeben. Diese können Sie hier als PDF herunterladen:

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