Exportschlager „Arabellion“?

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  • Bonn - 03.07.2014

Von „A“ wie Algerien bis „Z“ wie Zentralafrikanische Republik: Afrika und seine mehr als 50 Staaten durchzubuchstabieren, ist nur auf dem Papier eine leichte Angelegenheit. Zu unterschiedlich sind die Kulturen und Gesellschaften zwischen Kairo und Kapstadt. Und selten gerät die ganze Vielfalt des Kontinents abseits der großen Krisen in den Blick. Einen wenn auch nur flüchtigen Eindruck bietet seit sieben Jahren das Global Media Forum der Deutschen Welle in Bonn. Das Treffen, das am Mittwoch in der Bundesstadt zu Ende ging, ist so etwas wie ein medialer Markt der Möglichkeiten. Fast schon traditionell nimmt die Konferenz aktuelle Entwicklungen in Afrika in den Blick – und fragt, welche Rolle die Medien dabei spielen.

Beispiel Tunesien: Dort nahm der Arabische Frühling 2011 seinen Anfang und verbreitete sich in Windeseile nicht zuletzt dank sozialer Netzwerke in den nordafrikanischen Nachbarstaaten. Inzwischen, so berichtet ein tunesischer Teilnehmer der Konferenz, ist die Euphorie der Ernüchterung gewichen. Statt einer neuen Ordnung gebe es viel Chaos. Und der mediale Tross sei längst schon weitergezogen. Ein Blick auf die verfahrene Lage in Libyen und nach Ägypten, wo wieder das Militär regiert, zeigt: Zum Exportschlager taugt die „Arabellion“ nur bedingt.

Eric Topona aus dem Tschad meint trotzdem, dass man sich den Ruf nach mehr Demokratie und Transparenz zum Vorbild nehmen kann – und dafür auch das Internet nutzen sollte. Der Journalist verbrachte 100 Tage im Gefängnis, weil er „subversive“ Online-Artikel über Korruption und Machtmissbrauch in seinem Land verfasste, das seit 1990 im Griff des autoritären Regimes von Präsident Idriss Deby ist. Er wolle nicht zu einer gewalttätigen Revolte gegen Deby aufrufen, betont Topona, der seit 2013 bei der Deutschen Welle in Bonn arbeitet. Aber als Journalist fühle er sich verpflichtet, zur Entwicklung seines Landes beizutragen.

Radio Pacis sendet inzwischen auf mehreren Frequenzen – und kann bis in den Südsudan gehört werden. Missio

Radio statt Internet

Nicht immer freilich sind dafür Blogs oder Twitter und Co. wie im Fall Topona erste Wahl. Zwar soll sich die Zahl der Internetnutzer weltweit in den kommenden fünf Jahren von 2,5 auf 5 Milliarden verdoppeln. Aber aller Voraussicht nach werden nicht alle Staaten Afrikas Anteil an diesen imposanten Zuwachsraten haben. In Niger setzt Kommunikationsminister Yahouza Sadissou Madobi auf lokale Radiostationen, mit denen er vor allem die Bevölkerung auf dem Land erreichen will. Kein Wunder: Die Zahl der User liegt im unteren einstelligen Prozentbereich. Ähnliches berichtet der äthiopische Blogger und Journalist Eshete Bekele Tekle. In seiner Heimat hätten 1,5 Prozent der Bewohner Zugang zum Netz.

Und was ist mit den Mobiltelefonen? Der Markt wächst rasant – rund 545 Millionen Afrikaner haben ein Handy. Sie kommen damit aber mangels stabiler Verbindungen oder Zensur nicht immer ins Netz, sagt die Frauenrechtlerin Jenni Williams aus Simbabwe. „Die Telefone sind also oft nur zum Telefonieren da.“ Die resolute Mitbegründerin der Organisation Woman of Zimbabwe Arise (WOZA), die für ihre Proteste gegen Dauerherrscher Robert Mugabe mehr als ein Dutzend mal in Haft saß, sieht den Hype um die Macht der sozialen Netzwerke kritisch. Die Menschen gingen nicht wegen YouTube oder Facebook auf die Straßen, sondern weil sie sich gegen wirtschaftliche oder gesellschaftliche Missstände auflehnten. „Die Menschen mobilisieren Sie, wenn Sie an die Türen klopfen und mit ihnen reden.“

Der angolanische Journalist Rafael Marques de Morais hat andere – recht skurrile – Erfahrungen gemacht. Die Demonstrationen in Angola begannen 2011 offenbar infolge einer im Netz abgesetzten Falschmeldung aus Namibia, die zu Protesten in der Hauptstadt Luanda aufrief. Das durch Ölförderung reich gewordene Regime organisierte daraufhin vorsorglich eine Gegenkundgebung und lässt inzwischen das Netz überwachen – laut Marques mit Hilfe einer Spähsoftware aus Deutschland. Vernetzen, das hat für den Aktivisten derzeit eher eine reale anstatt eine virtuelle Dimension. Diktatoren und Kleptokraten stützten einander über Grenzen hinweg. Die Zivilgesellschaft habe da noch Nachholbedarf.

Von Joachim Heinz

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