Auf Wachstumskurs

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  • São Paulo - 01.07.2014

Gelb und Grün. Brasiliens Nationalfarben sind in diesen WM-Tagen allgegenwärtig. „Brasil, Brasil!“, stimmt eine Gruppe mit grün-gelben Trikots vor dem Stadion von São Paulo an. Doch in Händen halten sie keine Dose Bier, sondern einen Stapel kleiner Zettel. Nach ihrem Schlachtruf zerstreuen sie sich, um ihre Papiere zu verteilen.

Es sind Anhänger der „Baptistischen Kirche Neues Leben“ – eine von vielen Kirchen der Pfingstbewegung, die in Brasilien auf Wachstumskurs sind. „Wir möchten den Menschen sagen, dass die Liebe Gottes das wichtigste ist“, sagt Pastor Jaime Nascimento. Natürlich sei er auch Fußballfan – und er wünsche allen viel Spaß und ein spannendes Spiel, so der 48-Jährige.

Für die Pfingstbewegung, die Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA entstand, steht die lebhafte Erfahrung der Wunder des Heiligen Geistes im Mittelpunkt. Seit den 1980er Jahren breitet sie sich in Lateinamerika rasant aus, besonders auch in Brasilien. Bekannten sich dort bei der Volkszählung 1980 noch etwa drei Prozent zu Pfingstkirchen, so waren es 2010 bereits 13 Prozent, also über 25 Millionen Brasilianer.

Massive Missionsarbeit

Der Soziologe Ricardo Mariano von der Universität São Paulo schätzt, dass die Zahl tatsächlich noch weit darüber liegt. So gaben zuletzt neun Millionen Brasilianer an, einer protestantischen Kirche anzugehören – ohne Spezifizierung. Das enorme Wachstum der Pfingstkirchen erklärt Mariano mit der massiven Missionsarbeit ihrer Mitglieder. Es sei typisch für sie, dass sie Großevents wie die Fußball-WM für die Evangelisierung nutzen.

Vor der WM-Arena in São Paulo: Anhänger einer reformierten baptistischen Kirche sprechen sich mit Transparenten für „Frieden in den Stadien“ aus. KNA

Einige Meter von den Pfingst-Baptisten stehen am Stadion von São Paulo Vertreter der „Universalen Kirche vom Königreich Gottes“, die einen eigenen TV-Sender und Radioprogramme besitzt und gerade in São Paulo für 200 Millionen Euro einen großen Tempel errichtet. Noch ein paar Meter weiter sind Missionare der „Assembleia de Deus“ (Versammlung Gottes) aktiv, mit über zwölf Millionen Mitgliedern die größte Pfingstkirche des Landes. Sie halten bunte Transparente hoch mit der Aufschrift „Jesus rettet“ und machen mit lauten Gesängen und Gitarren auf sich aufmerksam.

Ihre Flugblätter sind nicht nur auf Portugiesisch, sondern auch auf Englisch und Spanisch verfasst. Wer Lust auf ein längeres Gespräch hat, den bitten die Pfingstler in ihre Kirche an der nächsten Straßenecke. Von außen gleicht das Gotteshaus eher einer Garage. Im Inneren ist der Raum weiß gefliest. Auf einigen Tischen stehen Sandwiches und Getränke bereit.

„Gott hat mein Leben verändert“

„Die Liebe Gottes möchten wir den Menschen vermitteln. Nicht mehr und nicht weniger“, sagt der Baptist Isaias Soares. Der heute 47-Jährige trat vor sechs Jahren der Freikirche bei. Damals sei er drogenabhängig gewesen, jetzt sei er dank der Unterstützung der Kirche clean und könne wieder als Beamter arbeiten: „Gott hat mein Leben verändert“, sagt er. Aus Dankbarkeit opfert er nun seine Freizeit: Gelegentlich hilft er bei einer Essensausgabe für Obdachlose mit; an den Wochenenden missioniert er und verteilt Flyer im Stadtzentrum. „Den Rest überlasse ich dem Heiligen Geist.“

Dem Wirken des Geistes werden in den Pfingstkirchen geradezu magische Fähigkeiten zugeschrieben. Sie stellen die Heilung von Krankheiten, ein glückliches Leben im Diesseits und Erlösung im Jenseits in Aussicht. „Sie versprechen, die Probleme zu lösen, mit denen die Menschen jeden Tag konfrontiert sind“, sagt Professor Mariano. Daher sei der Zulauf in den Armenvierteln der Großstädte am größten, wo Kriminalität, Armut und Familienkonflikte das Leben bestimmen. „Die Kirchen sind die einzigen Orte, die Sicherheit bieten.“

Der Einfluss der Pfingstkirchen in Lateinamerika wächst. Pohl/Adveniat

In den Gottesdiensten würden dann zum Beispiel Krebskranke „behandelt“. Aus Erfahrung weiß Mariano: Am Ende geben nur jene Zeugnis, die ihr persönliches Wunder erlebt haben. Die so Bekehrten seien meist gerne bereit, den zehnten Teil ihres Gehalts an die Kirchen abzutreten.

Auf den Flugblättern der Baptisten vor dem Stadion heißt es: „Weißt du, wie du bei der WM den größten Titel deines Lebens gewinnen kannst?“ Die Antwort gibt ein Vers aus dem Römerbrief: „Wenn du mit deinem Mund bekennst: ‚Jesus ist der Herr'' (...), so wirst du gerettet werden.“

Pfingstler in der Politik

Mittlerweile machen die Pfingstkirchen in Brasilien nicht nur der katholischen Kirche, sondern auch den etablierten TV-Sendern und politischen Parteien ernsthaft Konkurrenz. Inzwischen sind rund 15 Prozent aller Abgeordneten im brasilianischen Parlament von den Pfingstkirchen entsandt. Sie setzen sich etwa gegen eine rechtliche Gleichstellung homosexueller Paare oder Einflussnahme feministischer Gruppen ein. „Sie versuchen, ihre strikten Moralvorstellungen in der Gesellschaft durchzusetzen“, so Mariano, der mit dem nüchternen Blick des Soziologen zusammenfasst: „Sie akzeptieren die Regeln des demokratischen Spiels.“

Bei den Fußballfans stoßen die Pfingstler auf unterschiedliches Echo. Viele lehnen dankend ab. Aber es gebe auch immer wieder Interessierte, die kurz anhalten und sich auf ein Gespräch einlassen, sagt Diane Barreira von der „Assembleia de Deus“. Vor dem Eröffnungsspiel habe sie sich lange mit einer Engländerin unterhalten, erinnert sich die 24-Jährige. „Und ich war überrascht, als sie ein paar Tage später zu unserem Gottesdienst kam.“

Von Michael Althaus

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Tagung: „Evangelikale – Pfingstkirchen – Charismatiker“

Vom 9. bis 11. April 2013 veranstaltete die Deutsche Bischofskonferenz in Rom eine internationale Konferenz zum Thema „Neue religiöse Bewegungen“. Weiterführende Informationen und Studien zur Konferenz finden Sie hier:

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