„Die religiöse Militanz entsteht in den Köpfen“

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  • Berlin - 30.06.2014

Religiös motivierte Gewalt gehört in vielen Teilen der Welt inzwischen zum Alltag. Der UN-Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit, Heiner Bielefeldt, warnt allerdings davor, die Konflikte einseitig auf die Religionen zurückzuführen. Nicht zuletzt deshalb, weil diese Ansicht gerade dort zu einer Entpolitisierung führe, wo die Politik dringend gefragt sei. Wo aber liegen dann die Ursachen und wie kann man gegen religiösen Fanatismus vorgehen? Mit diesen Fragen befasste sich am vergangenen Donnerstag in Berlin eine gemeinsame Tagung des Deutschen Menschenrechtsinstituts, der CDU-nahen Konrad Adenauer Stiftung und der Europäischen Kommission.

Nach Bielefeldts Einschätzung betrifft das Phänomen alle Regionen der Welt: Von Nigeria mit den Fanatikern der Boko Haram über den arabischen Raum mit der sunnitisch-extremistischen Terrorgruppe ISIS bis nach Indien, wo Hindunationalisten Christen und Muslime bedrohen, oder Sri Lanka, wo Buddhisten zur Gewalt aufrufen. Dabei agieren die nichtstaatlichen Akteure zumeist in einem Klima der Straflosigkeit. Allerdings gibt es nach seiner Erfahrung keine „natürliche“ Täter- oder Opferkonstellation zumal kein Konflikt „rein religiös“ motiviert sei. Religion sei zwar oft ein Faktor, „aber selten die Hauptursache und nie die alleinige Ursache“.

Laut Bielefeldt entstehen religiös motivierte Konflikte durch eine fundamentalistische Aufladung religiöser Identität: „Die religiöse Militanz entsteht in den Köpfen“. Deshalb mahnt er vor einseitigen Zuschreibungen. Denn in allen religiösen Traditionen gebe es immer gleichzeitig Gegenpositionen und Gegenstimmen, die es zu stärken gelte: „Die Religionen sind selbst Diskurs-Universen“.

Der Menschenrechtsexperte Heiner Bielefeldt betont: Kein Konflikt ist „rein religiös“ motiviert. KNA

Vertrauenskrise in öffentlichen Institutionen

Eine entscheidende Ursache für eine solche „fundamentalistische Aufladung“ liegt für Bielefeldt in einer Vertrauenskrise in öffentliche Institutionen, etwa durch Korruption, wenn sich Polizei und Gerichte zu „mafiaähnlichen Strukturen“ entwickelten. Der Menschenrechtsexperte der Grünen, Tom Koenigs, nannte das Beispiel von Mullah Omar, dem Führer der Taliban in Afghanistan. Sein Aufstieg habe damit begonnen, dass er Polizisten, die ein Mädchen vergewaltigt hatten, mit Knüppeln erschlug. Die Taliban sind nach Koenigs Überzeugung, „wie alle religiösen Fanatismen geschaffen worden“. In Afghanistan seien schließlich an die Stelle des zusammengebrochenen Bildungssystems Koranschulen getreten. Als weiteren „Brandbeschleuniger“ für Konflikte nennt Koenigs Waffenexporte.

Der Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit der Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher, warnt ebenfalls vor Generalisierungen. Es gebe innerhalb der Religionen ständig Verschiebungen, bei denen sich enttäuschte Anhänger wieder abwendeten, wie etwa bei den Muslimbrüdern in Ägypten. Zugleich sieht er die Anhänger der betroffenen Religion in besonderer Verantwortung, wie im Falle des fanatischen US-Pastors Terry Jones, der den Koran öffentlich verbrennen wollte. Hier hätten sich hohe Kirchenvertreter sofort im arabischen Nachrichtensender öffentlich distanziert und Christen hätten mit Menschenketten eine gefährdete Moschee geschützt. Deutliche Kritik übte er dabei an den Medien, die nur auf einen großen Showdown gesetzt hätten.

Prävention stärken

Die Leiterin des Deutschen Menschenrechtsinstituts, Beate Rudolf, fordert zudem, den Aspekt der Prävention zu stärken, damit religiös motivierte Gewalt überhaupt nicht entsteht. Als erfolgreich hat sich nach Einschätzung von Bielefeldt hierbei der Aufbau von Menschenrechtsinstitutionen und von interreligiösen Beziehungen erwiesen. Denn Warnzeichen seien „sehr gut erkennbar“. Zugleich müsse das Vertrauen in die Institutionen wieder hergestellt werden.

Kommt es aber zu religiös motivierter Gewalt, dann verlangt dies nach Schirrmachers Worten auch ein Eingreifen von außen. So habe nur das Militär in Indien die Pogrome gegen Christen beendet, bei denen mehr als 500 Menschen ums Leben kamen. Dasselbe sei bei den Übergriffen von Muslimfundamentalisten in Indonesien der Fall gewesen. Mit Blick auf Boko Haram mahnte er zu mehr Druck auf die nigerianische Regierung, damit sie das Leben der Bürger schützt.

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