„Eine Art Patt“

  • Essen - 26.06.2014

Vor der Fußball-WM stand der Gastgeber Brasilien mit teils gewalttätigen Sozialprotesten und Zwangsräumungen von Elendsvierteln zugunsten von Stadionneubauten in den Schlagzeilen. Davon ist derzeit in den Medien keine Rede mehr. Für Klemens Paffhausen, Brasilien-Länderreferent des katholischen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat , schwer verständlich. In dem größten Land des Halbkontinents gärt es nach wie vor.

Frage: Herr Paffhausen, die Vorrunde der Fußball-WM in Brasilien geht zu Ende. Von Unruhen oder Sozialprotesten ist momentan kaum zu hören. Was haben Sie für Informationen?

Paffhausen: Große Demonstrationen scheint es in der Tat derzeit nicht zu geben. Aber ich weiß von kleineren Kundgebungen, die an den einzelnen Spielorten organisiert werden. Der Bischof von Goias, Eugene Rixen, spricht von einer Art Patt. Die Polizei- und Militärpräsenz sei massiv. Viele Protestler wollen außerdem wohl während der Fußball-WM keine Spielverderber sein, aber im Land gärt es weiter. Solange die brasilianische Mannschaft im Wettbewerb ist, dürfte es allerdings ruhig bleiben.

Frage: Und womit rechnen Sie, wenn die Gastgeber aus dem Turnier fliegen?

Paffhausen: Das sind natürlich nur Spekulationen. Aber es könnte gut möglich sein, dass die Proteste wieder aufflackern. Im Hintergrund spielen auch politische Interessen eine Rolle. Im Oktober sind Präsidentschaftswahlen in Brasilien. Wenn es bis dahin erneut zu Szenen kommt wie vor der WM, als Studenten und Lehrer auf die Straßen gingen oder Polizei und Armee sich Feuergefechte mit der Drogenmafia lieferten, dürfte Dilma Rousseff ihre Hoffnungen auf eine zweite Amtszeit als Präsidentin endgültig begraben. Es gibt daher auch Stimmen, die vermuten, dass die rechte Opposition über ein Ausscheiden der brasilianischen Mannschaft gar nicht so unglücklich wäre. Und dass sie hinter den Kulissen den Unmut der Menschen für ihre Zwecke weiter schürt.

Klemens Paffhausen ist Brasilien-Referent beim Hilfswerk Adveniat. Martin Steffen/Adveniat

Frage: Das klingt nach jeder Menge Stoff für journalistische Analysen und Beiträge. Wieso ist von alldem bei der öffentlich-rechtlichen WM-Dauerbeschallung so gut wie gar nichts zu sehen und zu hören?

Paffhausen: Ich bin in der Tat überrascht, dass diese Dinge alle ausgeblendet werden - nicht nur als Vertreter eines Hilfswerks, das sich in dem Land engagiert. Sondern auch als Konsument und Mediennutzer. Denn vor den Spielen waren die Proteste und Ausschreitungen ja in aller Munde. Leider wurden die Fernsehstudios alle mit Blick auf Copacabana und Zuckerhut eingerichtet. Verständlich aus Sicht der TV-Macher. Aber da müsste man nur mal ein paar Straßen weitergehen und schon hätte man komplett andere Bilder.

Frage: Wie ist vor diesem Hintergrund das öffentliche Interesse an der von Adveniat mit initiierten Aktion Steilpass ?

Paffhausen: Unsere zehn Petitionen haben wir zum Glück schon vor Beginn der WM der brasilianischen Regierung überreichen können. Jetzt gäbe es dafür vermutlich keine Aufmerksamkeit. Aber unsere Anliegen bleiben aktuell. Es zeichnet sich immer mehr ab, dass sich ein guter Teil der Kritik auch am Fußballweltverband FIFA festmacht. Das haben wir in unseren Petitionen thematisiert. Unsere Aktion wird über die WM hinausgehen. Und nach dem, was ich höre, werden auch die BRICS-Staaten Brasilien, Indien, China, Russland und Südafrika ihre Vorbehalte gegenüber einer zu mächtigen FIFA formulieren und sie dem Verband überreichen. Schließlich ist Russland der nächste Ausrichter der WM.

Das Interview führte Joachim Heinz.

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