Baulöwen, Haie und Enteignete

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  • Recife - 24.06.2014

Die Küstenstadt Recife ist die Wachstumslokomotive in Brasiliens Nordosten. Doch der Aufschwung lässt Verlierer zurück, genau wie die Organisation der bevorstehenden Fußball-WM. Bis heute warten Hunderte Familien auf eine Entschädigung für ihre Häuser, die den Zufahrten zur WM-Arena im Wege standen. Das deutsche Team bestreitet hier am Donnerstag sein letztes Gruppenspiel gegen die USA.

Wie keine andere Region Brasiliens hat der Bundesstaat Pernambuco in den vergangenen Jahren geboomt. Die neuen Luxus-Apartmenthäuser an den Stränden legen davon Zeugnis ab. Ex-Staatspräsident Luiz Inacio Lula da Silva, in Pernambuco geboren, lenkte während seiner Amtszeit (2003–2010) Milliardeninvestitionen hierher. Besonders gut geht es dem Bausektor.

Das größte Projekt ist der Komplex von Suape, rund 50 Kilometer südlich von Recife. Er umschließt eine Öl-Raffinerie sowie einen gigantischen Hafen. Angeschoben durch die Milliardeninvestitionen, hat sich die Region rasant entwickelt. Auf halber Strecke nach Suape ist am Traumstrand Praia do Paiva ein hochmoderner Komplex aus Luxuswohnungen und Hotels entstanden. Ein milliardenschweres privates Immobilienprojekt.

Existenz der Fischer gefährdet

Doch die Stimmung am Traumstrand ist getrübt. Zwar müssen in Brasilien alle Strände frei zugänglich sein; doch hier kontrollieren jetzt Wachmänner den Zugang. „Sie wollen uns vertreiben“, sagt der Fischer Jose Marco da Silva, der seit Jahrzehnten am Paiva-Strand sein Boot zu Wasser lässt. „Hier gibt es die einzige Öffnung in den Riffs an diesem Küstenabschnitt. Wir sind darauf angewiesen, hier zu fischen.“

Die kleine Fischersiedlung „Curral da Barra“, die seit 80 Jahren besteht, stört die neureichen Strandbewohner. „Viele Investoren sehen die Fischer heute als Störenfriede“, sagt Maria Jose Pacheco von der katholischen Fischerseelsorge, deren Arbeit vom deutschen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt wird. „Es fehlt an Unterstützung durch die Politik, die auf der Seite der Unternehmer steht.“

Lairson Evangelista de Souza ist Präsident des lokalen Fischerverbandes. KNA

Großprojekte wie der Hafen von Suape gefährden dabei nicht nur die Existenz der Fischer. „Seit Baubeginn hat sich die Zahl der Fische um 70 Prozent verringert; die Laichgebiete wurden zu 60 Prozent zerstört“, berichtet der Präsident des lokalen Fischerverbandes, Lairson Evangelista de Souza. Seine Kinder seien die erste Generation der Familie, die keine Fischer geworden seien. „Sie wissen, dass das keine Zukunft mehr hat.“

Der Eingriff in den Naturraum Suape hat auch die Haifische vertrieben, die einst hier ihre Jungen zur Welt brachten. Sie sind weiter Richtung Recife gezogen, wo es seitdem immer wieder zu tödlichen Begegnungen mit Surfern und Schwimmern kommt. Recife hält heute weltweit einen Spitzenplatz bei Hai-Attacken. Warnschilder stehen sowohl am schicken Stadtstrand Boa Viagem als auch an der mit Luxusvillen bebauten Praia do Paiva.

Angst vor Negativ-Schlagzeilen

WM-Touristen werden mit Broschüren vor den Haien gewarnt. Recife will keine negativen Schlagzeilen während des Turniers riskieren – davon hatte man schon während der WM-Vorbereitung genug. Besonders der Neubau des WM-Stadions rund 20 Kilometer außerhalb der Stadt stieß auf Kritik, zumal es im Zentrumsbereich bereits drei große Stadien gibt.

So verschlang die Verkehrsanbindung der Arena Pernambuco mit dem Zentrum Unsummen und führte zur Enteignung Tausender Familien. Allein entlang der zwei Kilometer langen Verbindungsstraße zwischen der Arena und dem Busbahnhof im Ort Camaragibe mussten 200 Familien weichen. Der Hausfrau Vania wurden zwei Tage gegeben, um ihr Haus zu räumen; dann wurde es abgerissen. Bekommen habe sie 30 Prozent des Wertes. Nun kämpft die Mutter zweier Kinder um den Rest vor Gericht – und wohnt zur Miete.

Wenige Meter weiter stand einst das Geschäft von Josinaldo Rosende, die einzige Verdienstquelle der Familie. Bislang habe er nur 40 Prozent der Entschädigung erhalten; die Behörden verschleppten die weitere Auszahlung. Josinaldo sagt: „Ich mag Fußball – aber so wie man uns hier behandelt hat, ist es schwierig, der WM noch etwas Positives abzugewinnen.“

Von Thomas Milz

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