Besuchstour im Schatten von Boko Haram

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  • Abuja - 13.06.2014

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat am Donnerstagnachmittag seinen zweitägigen Nigeria-Besuch beendet. Eines der zentralen Gesprächsthemen war die islamistische Terrorgruppe Boko Haram, die im Land derzeit fast täglich neue Anschläge verübt und damit international Schlagzeilen macht. Besonders emotional war zum Abschluss der Besuch der Protestinitiative „Bring back our Girls“ (Bringt unsere Mädchen zurück).

„Sie haben unser tiefes Mitgefühl, und wir stehen zu Ihnen. Sie bewegen die Herzen.“ Mit diesen emotionalen Worten verabschiedete sich der deutsche Minister zum Schluss. „Bring back our Girls“ trifft sich fast jeden Tag am „Brunnen der Einheit“ im Zentrum der Hauptstadt Abuja, um für die unversehrte Rückkehr von mehr als 200 entführten Schulmädchen aus Chibok zu demonstrieren. Seit mehr als acht Wochen befinden diese sich in den Händen von Boko Haram. Mittlerweile ist wohl klar, dass sie nicht durch ein militärisches Eingreifen befreit werden können.

Besserer Schutz für Schüler

Damit Schüler in Nigeria künftig besser geschützt werden können, kündigte Müller an, das neugegründete Projekt „Save School“ (Sichere Schule) zu unterstützen. Initiator ist der frühere britische Premierminister Gordon Brown, der die Initiative bereits beim Weltwirtschaftsforum für Afrika im Mai angekündigt hatte. Nigerianische Unternehmer haben dafür zehn Millionen US-Dollar (7,4 Millionen Euro) zugesagt. Weitere zehn Millionen Dollar seien nun für die Finanzierung notwendig.

Müller forderte die Einführung grundlegender Sicherheitsstrukturen in Schulen. Er hatte am Vortag im Süden des Landes, im Bundesstaat Ogun, selbst eine Mädchenschule besucht und dort mit Schülerinnen über die Entführungen von Chibok und über ihre Ängste gesprochen.

Mahnwache in Abuja für die Freilassung der Schulmädchen: Seit mehr als acht Wochen befinden sich die Schülerinnen in der Gewalt von Boko Haram. KNA

Ein Gespräch mit Vertretern christlicher und muslimischer Organisationen zählte ebenfalls zu den zentralen Punkten der Reise. Allerdings konnte der Minister selbst – anders als geplant – gar nicht daran teilnehmen, da sich ein Treffen mit Nigerias Staatspräsident Goodluck Jonathan nach hinten verschoben hatte.

„Das war nicht so schlimm“, befand Justina Mike Ngwobia von der nichtstaatlichen Organisation „Bewegung für Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung“, die in Jos im Bundesstaat Plateau ansässig ist. Allein das Treffen mit der deutschen Delegation habe ihr viel gebracht und klar gezeigt: „Deutschland kümmert sich um unsere Probleme und nimmt sie wahr.“ Das zeige auch die jahrzehntelange finanzielle Unterstützung christlicher Organisationen wie Misereor und Brot für die Welt für das Land. „Ohne sie wäre die Lage zum Beispiel in Plateau noch viel schlimmer.“

Kein Kampf der Religionen

Müller bezeichnete es als hochspannend, dass es überhaupt nicht den überall zitierten Kampf der Religionen gebe. „Mittlerweile gibt es mehr Muslime als Christen, die durch Boko Haram gestorben sind. Es ist eine Terrororganisation.“ Bereits am Vormittag gehörten im Gespräch mit Nigerias Finanzministerin Ngozi Okonjo-Iweala Boko Haram und die entführten Chibok-Mädchen zu den beherrschenden Themen. Sie betonte, bei der Suche werde jeder Stein umgedreht. Als Mutter von vier Kindern sei sie selbst in höchster Sorge. Staatspräsident Goodluck Jonathan gehe es als Vater ähnlich.

Dennoch hält der Terror nicht das ganze Land in der Zange, zeigte sich Ministerin Okonjo-Iweala überzeugt. Zwar seien im Nordosten wirtschaftliche Aktivitäten beeinträchtigt. „Wir haben aber festgestellt, dass im restlichen Land – das macht etwa 95 Prozent aus – die Wirtschaft weiterläuft.“

Von Katrin Gänsler

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