Sorge um Schicksal der Christen im Nordirak

  • Rom/London/Aachen - 12.06.2014

Nach den Eroberungen radikalislamischer Milizen im Nordirak wächst die Sorge um das Schicksal der christlichen Minderheit in der Region. Der Erzbischof von Mossul, Emil Shimoun Nona, sprach am Mittwoch von einer dramatischen Lage. Amnesty International rief Anrainerstaaten des Irak und die internationale Gemeinschaft zu Hilfe für die 500.000 geflohenen Einwohner auf. Ein Experte des katholischen Missionswerks Missio in Aachen sagte, es gebe glaubwürdige Berichte von Massakern.

Christen und Angehörige anderer Minderheiten drohten durch den Vormarsch der Terrorgruppe „Islamischer Staat im Irak und Syrien“ (ISIS) „vollständig zu verschwinden“, sagte der Missio-Experte Matthias Vogt. Neben Christen hätten auch Angehörige anderer religiöser Minderheiten wie Yeziden und schiitische Gruppen Mossul verlassen. Bischöfe, Priester und Ordensschwestern seien in umliegende christliche Dörfer geflohen, die bisher als sicher galten. Alle Kirchen in Mossul seien geschlossen.

„Uns liegen glaubwürdige Berichte vor, dass die Terroristen der ISIS in Mossul Menschen zu Hunderten abschlachten und die Leichen auf den Straßen liegen“, so Vogt. Häuser würden geplündert. Ordensleute aus Klöstern nahe Mossul richteten „per E-Mail verzweifelte Hilferufe an die Außenwelt“. Kurdische Milizen ließen die Flüchtlinge nicht in die kurdischen Autonomiegebiete, weil sie die Einschleusung von Terroristen befürchteten, sagte Vogt.

Flucht aus Mossul

Der chaldäische Erzbischof Nona sagte dem vatikannahen Pressedienst Asianews, die meisten Christen, aber auch viele Muslime seien aus Mossul geflohen. In der Stadt selbst dürften Nahrungsmittel und Trinkwasser in den kommenden Tagen zur Neige gehen. Bei der Einnahme Mossuls durch Aufständischen des ISIS hätten Militärs und Polizisten keinen Widerstand geleistet, so Nona.

„Die Religion eint uns, sie teilt uns nicht“

Fotograf Andy Spyra berichtet von Leben und Alltag der Christen im Nahen Osten – und erklärt: Die Konflikte vor Ort sind nicht religiös bedingt.

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Amnesty International sprach von einer „zutiefst besorgniserregenden Entwicklung mit schweren Konsequenzen für die Menschenrechte im Irak“. Sowohl die Regierung als auch ISIS müssten sicherstellen, dass Zivilisten nicht die Folgen des Machtkampfs zu tragen hätten. In der westirakischen Provinz Anbar wurden nach Angaben von Amnesty seit Januar eine halbe Million Iraker in die Flucht getrieben, 5.520 Zivilisten sollen durch die Kämpfe ums Leben gekommen sein.

Sorge um Spaltung des Landes

Der Gründer der katholischen Gemeinschaft Sant''Egidio, Andrea Riccardi, erklärte in Rom, die Gewalt durch die radikalislamischen Milizen gefährde „den Erfolg eines Projekts religiöser Integration“. Das Zusammenleben von Christen und Muslimen in der Region sei bislang „ein Modell für das ganze Land“ gewesen. Besorgt äußerte sich Riccardi, Träger des Aachener Karlspreises, über das Schicksal der christlichen Minderheit. „Nach den bruchstückhaften Nachrichten aus Mossul sind wieder einmal die Christen die Opfer des Terrors und des Blutvergießens“. Ziel der Gewalt sei eine Spaltung des Landes.

Unterdessen kündigte der irakische Schiiten-Führer Muqtada as-Sadr Schutztruppen für religiöse Stätten im Irak an. Er plane „Friedenseinheiten, um die heiligen Stätten von Muslimen und Christen in Kooperation mit der Regierung zu verteidigen“, erklärte der Geistliche und Politiker am Mittwoch laut iranischen Medien.

Die Milizen der Gruppe „Islamischer Staat im Irak und Syrien“ hatten am Dienstag die nordirakische Stadt Mossul unter ihre Kontrolle gebracht, nachdem sie zuvor schon Falludscha erobert hatten. Inzwischen soll auch das 175 Kilometer nördlich von Bagdad gelegene Tikrit an sie gefallen sein. Aus Mossul flohen nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration 500.000 der drei Millionen Einwohner.

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