„Geh! Sonst wirst du erschossen“

  • New York - 11.06.2014

Norma sagt, ihr Leben wäre vorbei gewesen, wenn sie wieder nach Hause zurückgemusst hätte. Zuhause, das war irgendwo in Mittelamerika. Sie ist eines Tages von dort geflohen, zuerst nach Mexiko, dann weiter in die USA. Dort wollte sie hin. Dort hoffte sie, ein Leben ohne Gewalt und Angst und mit einer Zukunft führen zu können.

„Als ich losging, wusste ich nicht, wie gefährlich diese Reise werden würde“, sagt die heute 17-Jährige. Aber sie schaffte es, erst über die Grenze, dann in ein Internierungslager für Flüchtlinge . Vor einem Gericht konnte sie schließlich den Richter überzeugen, dass sie nicht zurück könne in ihr Land.

So wie Norma ergeht es tausenden Kindern und Jugendlichen jeden Tag. Sie verlassen ihre Heimat, ohne Eltern, ohne Papiere, ihr Ziel sind die USA. Und es werden immer mehr. Allein in den vergangenen acht Monaten wurden 47.000 Kinder an der US-amerikanischen Grenze aufgegriffen. Zwischen 2008 und 2011 waren es gerade einmal 6.000 bis 7.500 jährlich.

Die Vereinten Nationen (UN) haben jetzt Alarm geschlagen. Laut einem aktuellen Bericht ist vor allem die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge aus El Salvador, Guatemala und Honduras sprunghaft angestiegen. 2013 hätten 22.000 Kinder aus diesen Ländern in den USA um Asyl angesucht, fünf Mal so viele wie noch zwei Jahre zuvor. Hinzu kommen die Kinder und Jugendlichen aus Mexiko – 19.000 im Jahr 2013.

Gewalt in Familien und Gesellschaft

Die UN haben 400 von ihnen nach den Gründen gefragt – das Ergebnis: Es ist die Gewalt, vor der sie fliehen, Gewalt in ihren Familien und in der Gesellschaft. So erzählt ein 17-jähriger Junge aus Honduras: „Es war meine Großmutter, die gesagt hat: „Geh! Wenn du nicht mitmachst, wird dich die Gang erschießen. Wenn du mitmachst, wird dich die rivalisierende Bande erschießen. Oder die Polizisten. Nur wenn du gehst, bist du sicher.“

Immerhin: US-Präsident Barack Obama reagierte inzwischen und wies den Katastrophenschutz an, sich der Problematik anzunehmen. Um der hohen Zahl der Neuankömmlinge Herr zu werden, wurden zudem auf drei Stützpunkten des US-Militärs Notunterkünfte eingerichtet.

U.S. Präsident Barack Obama KNA

US-Flüchtlingsorganisationen ist das aber nicht genug, sie fordern ein Umdenken in der Einwanderungspolitik. „Diese Kinder sind keine illegalen Flüchtlinge, sondern Kriegsopfer. Hier geht es um eine regionale humanitäre Krise.“ Ähnlich äußert sich Bischof Eusebio Elizondo, Vorsitzender der Migrationskommission der katholischen US-Bischofskonferenz: „Das Problem ist extrem kompliziert. Aber seine Wurzeln müssen angegangen werden, von unserer Regierung und den Regierungen in der Region.“

Kriminelle Banden haben das Sagen

Die Bischofskonferenz hat bereits im vergangenen November Abgesandte nach Mittelamerika geschickt, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Sie kommen zu demselben Ergebnis wie jetzt der UN-Bericht: Die Kinder fühlen sich in ihrer Heimat nicht mehr sicher. Vor allem in ländlichen Gegenden und kleineren Städten hätten kriminelle Banden inzwischen das Sagen – und die lokalen Behörden sähen machtlos zu, wenn sie nicht gleich mit den Gangs kollaborierten. Deshalb betont die Bischofskonferenz auch: „Die gängige Sichtweise in den USA ist, dass die Migranten aus wirtschaftlichen Gründen hierher kommen. Tatsächlich aber flieht eine wachsende Zahl vor der Gewalt in ihren Heimatländern.“

Die Mahnung von Bischof Elizondo, die Angelegenheit nicht politisch zu instrumentalisieren, verhallt im republikanischen Lager indes weitgehend ungehört. Dort sind die steigenden Zahlen von Migranten Wasser auf die Mühlen derer, die sich für einen Ausbau des Grenzschutzes stark machen und strenge Regeln für das geplante neue Einwanderungsgesetz fordern, um künftige Einwanderer abzuschrecken.

Als Präsident Obama vor ein paar Tagen die Militärbasis in Oklahoma anwies, sich auf die Ankunft von minderjährigen Flüchtlingen vorzubereiten, wetterte der aus dem Bundesstaat stammende Senator James Inhofe: „Unsere Nation hat ein Einwanderungsproblem, und ich glaube nicht, dass die Antwort darauf ist, illegale Einwanderer zu beherbergen und ihnen zu essen zu geben.“

Von Stefanie Ball

© KNA