Menschenwürde im Abseits

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  • Rio de Janeiro - 06.06.2014

Weltmeisterschaft in Rio – das soll ein prächtiges Fußballfest für Besucher aus aller Welt werden. Doch es steht zu befürchten, dass manche Jungs nicht nur ins Stadion und an die Copacabana gehen. Katholische Frauenorden warnen vor einer Zunahme der Prostitution, vor allem an den Spielorten. Bei den vergangenen Weltmeisterschaften in Südafrika 2010 und Deutschland 2006 stieg die sexuelle Ausbeutung demnach um 30 bis 40 Prozent. Ähnliches droht nun in Brasilien. Ein Schicksal aus „Vila Mimosa“, dem Fleischerviertel von Rio.

Irgendwann bricht Cicera doch in Tränen aus. „Ich weiß nicht, wo er heute ist.“ Ihren Sohn – sie musste ihn damals weggeben. Zusammen hätten sie erst recht keine Chance gehabt. „Ich bin mein ganzes Leben lang Prostituierte gewesen“, sagt Cicera leise. Wie ihre Mutter. „Mit acht Jahren haben sie mich vergewaltigt, seit damals hatte ich diesen Zorn in mir. Mit zwölf wurde ich eine Professionelle.“ Jetzt ist sie 52 und krank. Verbraucht am Straßenstrich von „Vila Mimosa“ in Rio, wo keiner mehr einen Pfifferling auf sie gibt. Und doch: Als Cicera Aparecida Teixeira de Carvalho ganz unten war, da fand sie Hilfe dort, wo sie sie am wenigsten erwartete.

Ohrenbetäubende Beats, lallende Schreie, nackte Haut

„Vila Mimosa“, das ist kein Dorf für Mimosen. Es ist das krasseste Gegenteil davon. Hier sind die Fleischhallen der Millionenstadt. Hier sind die groben Kerle und die gefallenen Frauen. „Vila Mimosa“ ist ein rechtsfreier Raum. Der Müll wird nicht mehr abgeholt; kein Polizist traut sich mehr hinein. Hier war Ciceras Arbeitsplatz. Schon am frühen Nachmittag sind die gekachelten Spelunken und üblen Höhlen mehr, als ein zivilisierter Mensch meint, ertragen zu können. Ohrenbetäubende Beats aus jedem der Bordelle, lallende Schreie, nackte Haut. Es stinkt nach Abfall, Alkohol und Körpersäften.

„Hier kannst du nur sein, wenn du total zugedröhnt bist mit Drogen oder Schnaps. Die jungen Mädchen nehmen heute alle Paco, Crack.“ Dabei, berichtet Cicera, tun die meisten zuhause in den Vorstädten so, als arbeiteten sie in der Stadt als Büglerin, Näherin oder Hausmädchen. In Vila Mimosa bekommen sie für eine normale Nummer umgerechnet 15 Euro. Einen Teil davon müssen sie dem Zuhälter geben.

Schwester Marie-Belle (links) im Gespräch mit Cicera. KNA

Zuflucht bei den „Missionarinnen des Lebens“

„Wenn du als Prostituierte so alt wirst wie ich, hast du zwei Möglichkeiten zu sterben: den schnellen Ausweg – oder du findest doch noch einmal eine neue Chance.“ Als der Hunger zu groß wurde und Cicera nichts mehr anzuziehen hatte, schickte eine Freundin sie ein paar Häuser weiter. In der Nebenstraße leben seit zehn Jahren zwei Ordensschwestern der „Missionarinnen des Lebens“; sie haben sich zur Aufgabe gemacht, in diesem menschlichen Moloch seelischen und medizinischen Beistand anzubieten.

Cicera maulte: „Wenn schon meine Freunde nichts mehr von mir wissen wollen, warum dann die da, die mich nicht mal kennen?“ Aber sie ging trotzdem hin. Heute sagt sie: „Ohne meine Schwestern hier wäre ich nicht mehr am Leben.“ Schwester Marie-Belle, eine schmächtige junge Frau mit Brille, Pferdeschwanz und Kreuz auf der Brust, wirkt verhuscht auf den ersten Blick. Falsch. Sie ist eine Große; eine der wenigen, denen nichts passiert in „Vila Mimosa“. Ihren Status als Respektsperson hat sie sich erarbeitet, mit viel Mut, mit Geduld und Beharrlichkeit.

Eine offene Tür und ein offenes Ohr bieten die Schwestern, Lebens- und Rechtsberatung für die entrechteten Frauen, mit denen auch die brasilianischen Behörden gnaden- und herzlos sind. Im medizinischen Bereich arbeiten die Ordensfrauen mit einer Art Praxis-Vorposten zusammen. In dem Blechcontainer unmittelbar am Rande des Strichs versucht ein Gynäkologe, eine Grundversorgung mit dem Nötigsten bereitzustellen. Zweimal pro Woche bietet er Untersuchungen, Aids-Tests und Kondome an. Manche Frauen von „Vila Mimosa“ haben 30 Mal pro Tag Geschlechtsverkehr.

Die aufgedunsene Cicera ließen die Missionarinnen bei ihrer Ankunft gründlich durchchecken. Ebenso wichtig aber war die Erfahrung, als Mensch behandelt zu werden. Bei ihren Besuchen hier hat Cicera erfahren, dass sie singen kann, sogar sehr schön, mit einer tiefen, gefühlvollen Stimme. Nun wünscht sie sich ein spätes kleinbürgerliches Leben in Würde. Die Schwestern haben ihr einen kleinen Anschub finanziert. Cicera verkauft jetzt Süßigkeiten am Straßenrand – statt ihrer selbst.

Von Alexander Brüggemann

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Adveniat-Projektpartner

Das katholische Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt die Missionarinnen des Lebens in ihrer Arbeit - damit Frauen wie Cicera eine Chance auf eine bessere Zukunft haben. Weitere Adveniat-Projekte finden Sie unter

www.adveniat.de