„Reine Kosmetik“

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  • Rio de Janeiro - 28.05.2014

Die Präsidentin des brasilianischen Kinderrechtsrates, Miriam Maria Jose dos Santos, blickt besorgt auf die bevorstehende Fußball-WM . Im Interview in Rio berichtet sie, welche Gefahren das Großereignis gerade für Kinder und Jugendliche birgt.

Frage: Frau dos Santos, bei der Fußball-WM blickt die Weltöffentlichkeit auf Ihr Land. Werden Sie das nutzen können, um für die Belange von Kindern und Jugendlichen zu werben?

Dos Santos: Leider nicht – auch weil Brasilien versucht, nach außen ein möglichst gutes Bild abzugeben, damit die Leute keine Angst haben herzukommen. Ich fürchte, dass die WM überhaupt keine positiven Auswirkungen für Kinder und Jugendliche haben wird. Ganz im Gegenteil: Es gibt viele Gefahren.

Frage: Was befürchten Sie konkret?

Dos Santos: Es sind vor allem vier Themen: Kinderarbeit , Pädophilie, Sextourismus und auch Kinderhandel . Wir befürchten, dass Kinder von Kinderhändlern aus dem Land geschafft werden. Das passiert vor allem rund um die Grenzen, zum Beispiel in Amazonien. Das Gebiet ist sehr groß; überall ist Regenwald, und es gibt nicht genügend Kontrolle, um die Täter aufzuhalten. Vor allem Mädchen werden dort für Sexarbeit verschleppt und gehandelt. In Südafrika ist der Kinderhandel um die WM 2010 herum stark aufgeblüht. Auch Drogenhandel ist ein Problem. In den Favelas, den Armenvierteln der Großstädte, kontrollieren Drogenhändler ganze Stadtteile.

Frage: Seit einigen Monaten läuft das Projekt „Pacification“, also Befriedung. Der Staat hat Polizeieinheiten in den Favelas installiert und geht verstärkt gegen den Drogenhandel vor. Was halten Sie davon?

Dos Santos: Der Staat hat die Befriedung speziell für die WM und die Olympischen Spiele 2016 entwickelt. Dabei gibt es die organisierte Kriminalität seit Jahrzehnten. Das hätte man schon viel früher angehen können. Für mich ist das reine Kosmetik! Man geht die Probleme lediglich an der Oberfläche an, ohne an den Ursachen zu arbeiten, nämlich der Armut und Perspektivlosigkeit vieler. In vielen befriedeten Favelas wurden Drogenhandel und Gewalt zwar kurzfristig eingedämmt. Aber wir beobachten, dass sie wieder zunehmen. Die ganze Situation vermittelt einen falschen Eindruck: den trügerischen Eindruck von Sicherheit.

Proteste am 15. Mai 2014 in Rio de Janeiro gegen die Fussball-Weltmeisterschaft 2014. KNA

Frage: Wie steht es um die Sicherheit von Kindern und Jugendlichen bei möglichen Unruhen während der WM?

Dos Santos: Es sind nicht die Demonstrationen als solche, die uns Sorge bereiten. Wir befürchten, dass es zu Gewaltausbrüchen kommt und Kinder dazwischengeraten. Auch die Fan-Feste machen uns Sorgen. In vielen Städten wird es jeden Tag Partys geben, für die es häufig keine Altersbegrenzung gibt.

Frage: Welche Projekte hat der Kinderrechtsrat im Rahmen der WM?

Dos Santos: Wir haben schon 2012 eine Resolution zum Schutz von Kindern und Jugendlichen erlassen und auf allen Ebenen Partnerschaften und Kooperationen geschlossen: einerseits mit staatlichen Institutionen, andererseits aber auch mit großen Firmen, die in die Vorbereitungen auf die WM involviert sind. Zum Beispiel machen wir im Fernsehen und im Radio auf die Gefahren durch Alkoholkonsum, Gewalt und Sextourismus aufmerksam. In der Umgebung der Stadien wird es einen Bus geben, in dem Vertreter des Jugendamtes ansprechbar sind. Außerdem gibt es dort Polizeibeamte, die speziell für Kinder und Jugendliche zuständig sind.

Frage: Für die WM hat der brasilianische Staat viel Geld in investiert. Wie viel von diesem Geld kommt Kindern und Jugendlichen zugute?

Dos Santos: Durch die Investitionen in neue Straßen und Stadien wurden Arbeitsplätze geschaffen. Auch die Einkommen der Familien sind ein wenig gestiegen. Aber das ist nicht nachhaltig. Brasilien muss in die Menschen investieren, vor allem in ihre Bildung . In den vergangenen Jahren hat der Staat etwas mehr in den Bildungsbereich investiert, doch auch das reicht nicht. Es fehlt noch immer an allen Ecken und Enden. 60 Prozent der Kinder bekommen keinen Platz in Kindergärten oder Vorschulen.

Die Schulen vermitteln außerdem wenig Brauchbares. Viele Lerninhalte sind total veraltet, Schulgebäude in einem unglaublich schlechten Zustand, und Lehrer verdienen sehr wenig. Für Kinder ist das kein ernstzunehmender Raum. Viele brechen die Schule ab. Zudem gibt es immer noch viel Korruption. In Brasilien wandert bei Großprojekten die Hälfte in private Taschen.

Das Interview führte Elisabeth Rahe

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