„Wir brauchen ein Gegen- gewicht zum Ich-Denken“

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  • Berlin - 27.05.2014

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) sieht in dem Zusammenwirken der Politik mit Kirchen und Religionen den entscheidenden Schlüssel für mehr Frieden und Entwicklung in der Welt. In manchen Krisengebieten sei Hilfe nur über die Glaubensgemeinschaften möglich, so Müller im Interview am Dienstag in Berlin. Deswegen würde er es begrüßen, wenn Papst Franziskus einen Dialog der Religionen auf höchster Ebene wiederbeleben würde, so der Minister.

Frage: Was können die Kirchen in der Entwicklungshilfe leisten, was der Staat nicht kann?

Müller: Gerade in fragilen Staaten, wo staatliche Institutionen zusammengebrochen sind, bieten Kirchen und Religionsgemeinschaften durch ihre Gemeinden Strukturen, die bis in die kleinsten Dörfer reichen. Hier haben Kirchen und Religionsgemeinschaften eine zentrale Bedeutung. Das konnte ich in der Zentralafrikanischen Republik oder im Südsudan erleben. Dort habe ich Bischöfe und Imame gesprochen, die sich die Hand reichen und sich gemeinsam für den Frieden einsetzen. Oder nehmen wir Nordkorea, da kommt kaum eine Hilfsorganisation hin. Auch in Syrien haben wir häufig nur noch Zugang über die Religionsgemeinschaften.

Frage: Taugt Religion als Kontaktmittel? Oft sind doch gerade Glaubensunterschiede Ursache für Hass und Gewalt?

Müller: Radikale Fundamentalisten missbrauchen die Religion, um Krieg, Mord und Totschlag zu rechtfertigen. Dabei geht es aber vor allem um Macht und Einfluss. Hier ist Religion Vorwand. Entscheidend sind hingegen die verbindenden Werte, nicht das Trennende. Das müssen wir stärker beleben. Ich würde es begrüßen, wenn Papst Franziskus einen Dialog der Religionen auf höchster Ebene wiederbeleben würde.

Frage: Macht ihr Ministerium bei diesem Glaubensdialog mit?

Müller: Wir haben in diesem Bereich neue Arbeitseinheiten geschaffen und bereits erste Gesprächsrunden geführt, zuletzt mit Weltbankpräsident Kim und den deutschen Vertretern der Religionen und religionsnahen Entwicklungsorganisationen. Mein Ansatz ist eine werteorientierte Entwicklungspolitik. Über die Frage der materiellen Hilfe hinaus geht es eben auch um Sinn und Werte, auf die ich unsere Entwicklungszusammenarbeit aufbauen möchte, deshalb ist mir der Religionsdialog wichtig.

Frage: Was sind für Sie diese grundlegenden Werte?

Müller: Es gibt weltweit verbindende Werte wie das Ja zum Leben, das Tötungsverbot, die Achtung der Menschenwürde, das Gebot nicht zu stehlen. Grundsätzlich rücken die Religionen die Beziehung zum Anderen, zur Gesellschaft in den Vordergrund, und stärken das Verantwortungsbewusstsein. Wir brauchen dringend ein weltweites Gegengewicht zum Ich-Denken.

Frage: Die Bundesregierung hat eine neue Afrikastrategie verabschiedet. Dabei geht es auch um Länder in denen schlimmste Formen der Gewalt herrschen. Muss Deutschland stärker eingreifen?

Müller: Leider blicken wir in zahlreichen Staaten immer noch Hunger und Tod ins Auge. Korrupte Machthaber opfern die Bevölkerung eigenen Machtinteressen. Als letztes Mittel muss hier die Weltgemeinschaft einschreiten. Wir sind aber der Überzeugung, dass Afrika seine Probleme und Bürgerkriege selbst lösen will, kann und wird. Deshalb werden wir vorhandene Strukturen wie die Eingreiftruppe der Afrikanischen Union ertüchtigen, indem wir zum Beispiel unseren Beitrag zur Ausbildung leisten. Ich warne aber davor, immer nur die Krisen in den Mittelpunkt der Betrachtung Afrikas zu rücken, wir müssen mehr über die Chancen unseres Nachbarkontinents reden, über die Potenziale, die Afrika wirtschaftlich auch durch seine junge Bevölkerung hat.

Der siebenjährige Israel (2 v. li.) spielt gern mit seinen Freunden Flitner / Kindermissionswerk

Frage: Wie sehen Sie das Spannungsverhältnis von militärischer Intervention und Entwicklungshilfe?

Müller: Ich bin gegen eine Militarisierung der Entwicklungspolitik. Hier muss eine klare Grenzlinie gezogen werden. Unser Auftrag liegt in der Stärkung der technischen und humanitären Zusammenarbeit. Außerdem wird immer offensichtlicher, dass wir eine Art internationales technisches Hilfswerk brauchen, das Flüchtlinge bei der Rückkehr unterstützt, zum Beispiel beim Bau von Unterkünften, und auch eine internationale Polizeieinheit, die die öffentliche Ordnung garantiert.

Frage: Vor den Toren Europas wütet seit drei Jahren der syrische Bürgerkrieg mit unglaublicher Brutalität. Wird Europa seiner Verantwortung gerecht?

Müller: Humanitär wird enorm viel geleistet vor allem durch die Helfer. Politisch herrscht eher Ratlosigkeit, weil China und Russland das Regime stützen. Deshalb müssen die Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit auf diesen Massenmord von Assad am eigenen Volk gerichtet werden. Wir brauchen dringend humanitäre Korridore für Helfer im Sinne des Völkerrechts. Die Not der Flüchtlinge droht die gesamt Region zu destabilisieren.

Frage: Entwicklungszusammenarbeit fängt ja im Einkaufszentrum an. Die Deutschen spenden gern, aber billige T-Shirts wollen sie auch. Wie kann man das ändern?

Müller: Wir müssen den Konsumenten darüber informieren, wie und auf welchem Weg Lebensmittel auf den Tisch oder die Kleidung ins Regal kommen. Bei Textilien beginnt dies auf dem Baumwollfeld, wo teilweise Sklavenarbeit herrscht. Die Näherinnen in Bangladesch bekommen acht Cent die Stunde!

Frage: Aber da ist doch die Industrie gefordert.

Müller: Es ist unbestritten, dass es in der deutschen Industrie schon zahlreiche Aktivitäten gibt. Soziale Mindeststandards müssen aber Grundlage der gesamten Wertschöpfungskette werden. Das würde ein T-Shirt nur unmerklich verteuern. Zugleich müssen ökologische Maßstäbe gelten. Es darf nicht sein, dass wir Lederwaren angeboten bekommen, die von Kindern in Marokko ohne jeden Schutz in einer Giftbrühe gegerbt wurden.

Frage: Da braucht es schärfere Gesetze?

Müller: Die Industrie ist sich des Problems bewusst und hat teilweise eigene Standards entwickelt. Wir drängen aber auf ein allgemeines Textilsiegel . Dadurch kann auch der Kunde erkennen, dass die Standards eingehalten wurden. Der beste Weg ist eine freiwillige Selbstverpflichtung. Wenn das nicht reicht, müssen wir auf europäischer Ebene einen gesetzlichen Rahmen schaffen.

Frage: Herr Minister Sie sind ein Fußballfan. Trübt die soziale Lage in Brasilien ihre Vorfreude auf die Weltmeisterschaft?

Müller: Der brasilianische Fußball begeistert jeden. Und wir alle wünschen uns ein Endspiel Deutschland-Brasilien. Ich habe aber die Sorge, dass die WM kein Sommermärchen wird. Ein Stadion, das Millionen kostet, etwa für drei Vorrundenspiele in den tropischen Regenwald hineinzubauen, da bin ich als Fußballfan entsetzt!

Frage: Ist die WM für Brasilien ein Gewinn?

Müller: Ich befürchte ein ähnliches Desaster wie in Südafrika: Milliardeninvestitionen verkommen zu Ruinen und daneben darbt die Bevölkerung im Elend. Brasilien, das ist Straßenfußball! Aber ein Großteil der Bevölkerung hat überhaupt nichts von dieser Art von Großereignissen. Das schmerzt mich und tut weh.

Frage: Ist die FIFA schuld an der Fehlentwicklung?

Müller: Die FIFA muss als Ausrichter soziale und ökologische Standards berücksichtigen und einfordern, die auch eine spätere Nutzung einbeziehen. Aber auch Brasilien hat offenbar jedes Maß und jede Vernunft verloren.

Frage: Werden Sie nach Brasilien fahren?

Müller: Ich wurde eingeladen, aber ich fahre nicht hin. Als Fußballfan hätte mich das natürlich mehr als gereizt. Aber diese Konstellation unterstütze ich nicht. Ich sehe die Weiterentwicklung dieses materialistischen Spektakels in Katar und hoffe, dass die FIFA hier noch ein Stoppsignal setzt! Ansonsten wird der Fußballfan noch weiter von derartigen Ereignissen entfremdet.

Das Interview führten Christoph Scholz und Volker Resing

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