Buen Vivir – Das Recht auf gutes Leben!

  • München - 23.05.2014

Mit großem Engagement und vielen Kooperationspartnern wurde die Konzertlesung mit dem ecuadorianischen Visionär und Politiker Alberto Acosta und der Musikgruppe Grupo Sal in der Evangelischen Kreuzkirche München Schwabing vorbereitet. Die Katholische Erwachsenenbildung in der Erzdiözese München und Freising e. V. und die Evangelische Kreuzkirche haben in Zusammenarbeit mit der Abteilung Weltkirche das Vorhaben realisiert. Zur Veranstaltung, die am Vorabend zum 1. Mai stattfand und mit dem Titel „Buen Vivir – Das Recht auf gutes Leben“ überschrieben war, fanden etwa 170 Personen.

Pfr. Hermann Geyer (Kreuzkirche) und Msgr. Wolfgang Huber (Abteilung Weltkirche) begrüßten Alberto Acosta, die Musiker und das Publikum. Schirmherr der Veranstaltung Joachim Lorenz, Vorsitzender des Klima-Bündnis e.V. und Referent für Gesundheit und Umwelt der Landeshauptstadt München, führte bereits in die Thematik der Veranstaltung ein und gab damit die Vorlage für Alberto Acosta, durch Impulsreferate in die im Überbegriff „Buen Vivir“ zusammengefassten Lebens- und Weltanschauungen einiger indigener Völker des Anden- und Amazonasgebietes einzuführen. Dabei bedauerte Acosta selbst, dass der Zuhörer weder in den vollständigen Genuss der vorwiegend lateinamerikanischen Musik von Grupo Sal komme, die mit ihrer leidenschaftlichen Art und mit jedem Lied Lust auf mehr erzeugten, noch sich intensiv und konzentriert auf die Thematik des Buen Vivir einstellen konnte, da dies mehr Zeit und Dialog benötigte. Dennoch war es ein lohnenswertes Unterfangen, Buen Vivir sowohl über Text, Dialog und eben auch die Musik zu transportieren. Grupo Sal, sechs Musiker aus Portugal, Deutschland, Venezuela und Argentinien und Acosta spielten sich so gegenseitig zu.

Eine Schachtel, die es zu füllen gilt.

Acosta fragte sich zunächst, wie man „Entwicklung“ zu denken hat. Die Grenzen des ständigen Wirtschaftswachstums sind längst aufgezeigt, das Ungleichheit erzeugt und falsche Prioritäten setzt. Mit Theorien und Begriffen u.a. wie Solidarische Ökonomie, Postwachstum, Decrecimiento oder Suffizienz sucht die Menschheit nach Alternativen. Hier setzt Acosta mit seinem Engagement an, Buen Vivir nicht als globales, sondern in die jeweilige lokale und kulturelle Sprache zu übersetzendes System bekannt zu machen. Laut Acosta, haben die indigenen Völker da etwas anzubieten. Buen Vivir kann als Suche nach einem Leben in Harmonie mit sich selbst, mit den anderen und mit der Natur definiert werden. Ideen werden gemeinschaftlich entwickelt und nicht von oben aufoktroyiert.

Alberto Acosta - Ecuadorianischer Politiker und Visionär Erzbistum München und Freising

Acosta fordert, die anthropozentrische Lebensweise durch eine „biozentristische“ Sicht des Buen Vivir zu ersetzen. Alle Lebewesen haben das gleiche Recht zu leben. Die Umsetzung dieser Werte, Erfahrungen und Praktiken der indigenen Völker müssen auf lokaler, nationaler und globaler Ebene Eingang finden. Acosta vergleicht Buen Vivir mit einer Schachtel, die bereits viele Sachen, also Erfahrungen und Werte enthält, aber genauso viel Raum bereithält für den Dialog mit Religionen und Wertanschauungen. Buen Vivir distanziert sich vom Kapitalismus und Kommunismus. Das Konzept beruft sich auf demokratische Prinzipien, befürwortet ein langsames, kontrolliertes Wirtschaftswachstum und legt den Fokus auf eine kosmopolitische Weltanschauung.

Kritik an Präsident Correa

Im Dialog mit dem Journalisten und seinem Freund Thomas Pampuch versucht Acosta, den Begriff des „Buen Vivir“ noch besser umschreiben zu können, und behilft sich mittels der Begriffe „Suffizienz“ als Gegenteil von Habgier und „minga“ als konkretes südamerikanisches Beispiel gemeinschaftlicher Praxis zur Durchführung eines Projekts. Die kapitalistische Praxis des Extraktivismus, also des Herausholens der Bodenschätze zur Generierung von Geldern für die Entwicklung des Landes, so wie die Regierung Ecuadors unter Raffael Correa es propagiert, stehe dem Konzept Buen Vivir entgegen. Auch die einseitige Entwicklungshilfe müsse in eine partnerschaftliche Entwicklungszusammenarbeit überführt werden.

Acosta, der 2008 Präsident der verfassungsgebenden Versammlung in Ecuador unter Correa war, konnte das Konzept des Buen Vivir wie in Bolivien in der Verfassung verankern. Z.B. wurde der Natur der Status einer juristischen Person zuerkannt, etwas in der Welt bislang Einzigartiges. Acosta sieht sich heute im Land und international als Kämpfer für die Idee, das Erdöl, das unter der Erde im Nationalpark Yasuní gefunden wurde, dort zu belassen. Durch Kompensationszahlungen der Staatengemeinschaft von der Hälfte des geschätzten Ölförderungswertes an Ecuador, kann die soziale und kulturelle Entwicklung im Land gefördert werden, ohne in die Natur einzugreifen, die ein globales Gut darstellt, und ohne die dort lebenden indigenen Gemeinschaften zu gefährden, so die Idee. Leider konnte u.a. auch durch einen Sinneswandel in der deutschen Politik das Projekt nicht realisiert werden. Die Förderungsvorbereitungen sind bereits im Gang. Nur eine Unterschriftenaktion in Ecuador versucht dem Treiben der Regierung Correa im Yasuní-Park noch etwas entgegenzusetzen. Dafür wirbt Acosta auch auf dem Hintergrund von Buen Vivir.

„Correa hat links geblinkt und ist dann rechts gefahren.“

— Alberto Acosta

Dialog mit der Kirche?

Zum Schluss hatten die Zuhörer die Gelegenheit, Fragen an Acosta zu stellen. Warum er sich mit dem Präsidenten Correa überworfen hätte, beantwortete Acosta mit der Aussage: „Correa hat links geblinkt und ist dann rechts gefahren.“ Ein Ecuadorianer aus Otavalo gab Acosta kritisch zu bedenken, dass das Verständnis von Buen Vivir in der Lebensanschauung der dortigen Völker begründet liegt und man zumindest lange mit ihnen gelebt haben muss, um es zu verstehen. Die Gefahr liegt darin, dass Politiker das Konzept für ihre Grabenkämpfe missbrauchen. Auf die Frage nach dem Dialog mit der ecuadorianischen Kirche gab Acosta leider keine Antwort. Vielleicht kann diese Veranstaltung ein Impuls sein, diesen Dialog aufzunehmen. Denn weder eine unkritische Rezeption dieser Idee des Buen Vivir innerhalb der deutschen Kirche noch eine klare Ablehnungshaltung der ecuadorianischen Kirche sind der richtige Weg. Dafür steht doch das Bild der Schachtel, die nur halb leer bzw. schon halb voll ist.

Von Sebastian Bugl, Fachbereich Internationale Partnerschaftsarbeit München-Freising

© Erzbistum München-Freising

Über Buen Vivir

„Buen Vivir“, das „Gute Leben“, ist eine Lebensanschauung der indigenen Andenvölker, die vermehrt internationale Aufmerksamkeit erregt. „Buen Vivir“ zielt nicht nur auf ein Leben im Einklang mit der Natur und allen Geschöpfen, es bedeutet auch konkret eine neue „Ethik der Entwicklung“.

Mehr über das „Gute Leben“ erfahren Sie in diesem Interview mit Nikolaus Nöscher von der Abteilung Weltkirche des Ordinariates München:

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