Dazwischenland

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  • Frankfurt - 22.05.2014

Bevor Hamid hierher kam, hatte er bereits die halbe Welt umrundet. Von seiner Heimat Afghanistan aus ging es zunächst in die Golfstaaten, dann in die Türkei. Vor wenigen Tagen landete er schließlich in Deutschland. Anders, als es seine Stationen vielleicht vermuten lassen, ist Hamid weder Geschäftsmann noch Globetrotter. Der 14-Jährige befindet sich auf der Flucht, seit Wochen – völlig allein, ohne Eltern. In Gebäude 587a auf dem Frankfurter Flughafen hat Hamids Odyssee ein vorläufiges Ende gefunden. Ein sicherer Hafen ist der von Kameras bewachte und durch Übersteigschutz gesicherte Komplex freilich nicht.

Am Rand der Rollfelder unterhält das Land Hessen eine Erstaufnahmeeinrichtung für jene Flüchtlinge, die auf dem Luftweg ohne gültigen Pass oder aus einem sicheren Herkunftsland nach Deutschland einreisen. Platz bietet das Haus für rund 100 Personen. Derzeit leben etwa 20 Männer, Frauen und Kinder in den mit Etagenbetten ausgestatteten Vierbettzimmern, die um einen Innenhof mit Sport- und Spielplatz angeordnet sind. Offiziell sind Hamid und seine Mitbewohner noch nicht in die Bundesrepublik eingereist, sondern befinden sich im Transitbereich des Flughafens.

In Gebäude 587a bleiben die Flüchtlinge, bis im sogenannten Flughafenverfahren darüber entschieden ist, ob sie tatsächlich nach Deutschland kommen dürfen. Genutzt wird die Einrichtung ebenfalls für jene Menschen, die wieder in ihre Herkunftsstaaten zurückgewiesen werden sollen. Für sie alle ist es ein Leben wie im Wartesaal, ein seltsamer Schwebezustand in einer Art Dazwischenland mit einem bitteren Beigeschmack: Niemand der Bewohner weiß, was ihm die Zukunft bringt. Mangelnde Sprachkenntnisse und die Isolation tragen mit dazu bei. Genauso wie die Aushänge auf Englisch, Arabisch und Französisch, mit denen Neuankömmlinge darauf hingewiesen werden, dass keiner der anwesenden Mitarbeiter irgendeinen Einfluss auf ihr Verfahren hat.

Flüchtlinge, die auf dem Luftweg ohne gültigen Pass oder aus einem als sicher eingestuften Drittstaat nach Deutschland einreisen, kommen in der Erstaufnahmeeinrichtung am Frankfurter Flughafen unter. KNA

„Leben wie die anderen“

Hamid weiß derzeit nur eines: dass er auf keinen Fall zurück will. In Afghanistan, erzählt er in fließendem Englisch, betreibt seine Familie mehrere Hotels. Soviel Wohlstand rief die radikalislamischen Taliban auf den Plan. „Immer wieder haben sie meinem Vater gedroht:

‚Entweder Du gibst uns Geld, oder wir entführen Deine Kinder.‘“ Einen Brandanschlag verstanden die Eltern als finale Warnung. Hamid und seine jüngsten Brüder durften fortan nicht mehr auf die Straße, waren wie Gefangene im eigenen Haus. „Das habe ich nicht mehr ausgehalten, ich will lernen, leben wie die anderen“, sagt der Teenager. Eine ältere Schwester wohnt bereits in Hamburg – schweren Herzens fassten die Eltern den Entschluss, ihren Sohn vom Hindukusch in die norddeutsche Tiefebene zu schicken.

Doch stattdessen blieb Hamid in Frankfurt hängen. Als „unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“, wie es im Amtsdeutsch heißt. Dass diese Personengruppe überhaupt in einer Einrichtung wie dem Gebäude 587a festgehalten wird, ist einer der vielen Kritikpunkte, die Menschenrechtler und Kirchenvertreter am Flughafenverfahren haben. Die zuständigen Behörden in Hessen halten dagegen. Das Gesetz sehe nun einmal keine Altersbeschränkungen vor: „Das Flughafenverfahren gilt für jeden, egal ob er 6 Monate oder 80 Jahre alt ist.“ Zugleich betonen die Verantwortlichen, dass sie der besonderen Lage von allein reisenden Kindern und Jugendlichen, den besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen, Rechnung tragen.

So existiere eine spezifische Arbeitsgruppe von Sozialministerium, Jugendämtern, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und der Bundespolizei, die sich laufend über Verbesserungen beim Aufnahmeverfahren für die unbegleiteten Minderjährigen verständigten. Deren Aufenthaltsdauer in der Unterkunft betrage deswegen in der Regel nicht mehr als zwei Tage. Während dieser Zeit stünden im Gebäude 587a rund um die Uhr geschulte Sozialpädagogen als Ansprechpartner bereit.

Außerdem, so ist von den Behörden zu erfahren, macht diese Gruppe nur einen geringen Anteil jener Personen aus, die ein Flughafenverfahren durchlaufen. Von den 1.100 in ganz Hessen 2013 erfassten unbegleiteten Minderjährigen waren es 69, bei denen das Verfahren zur Anwendung kam. Dabei habe sich bei sieben Personen herausgestellt, dass der vermeintliche Minderjährige bereits erwachsen war.

Pakistan

Mit gutem Beispiel voran

Tobias Böcher

Kirchen fordern Überprüfung

Aber auch die Gesamtzahlen scheinen überschaubar. Von den bundesweit 64.539 Asyl-Erstanträgen 2012 wurde in gerade einmal 787 Fällen bei den Grenzbehörden an Flughäfen eine Akte für Asylsuchende angelegt – die meisten davon am europäischen Drehkreuz Frankfurt. Während die Kirchen fordern, das Verfahren grundsätzlich auf den Prüfstand zu stellen, hält der Gesetzgeber daran fest – trotz des hohen Aufwands.

Allein 25.000 Euro Miete im Monat zahlt Hessen für die Nutzung des Baus an die Fraport AG – hinzu kommen zum Beispiel Kosten für die dort tätigen Sozialarbeiter oder den privaten Wachdienst. Zu den weiteren Parteien im Gebäude 587 gehört eine BAMF-Außenstelle. Für den Transfer der Flüchtlinge vom Flughafen zur Unterkunft ist die Bundespolizei zuständig. Die Beamten begleiten die Betroffenen auch, wenn etwa ein Besuch im Krankenhaus erforderlich ist. Ebenfalls im Gebäude sitzen Vertreter der beiden großen Kirchen. Sie verstehen sich als Ansprechpartner für die Menschen, die nach Wochen oder Monaten auf der Flucht oft schwer traumatisiert sind.

Die Nerven liegen blank

„Manch einen macht auch erst das Warten krank“, berichtet die evangelische Pfarrerin Anke Leuthold. „Für viele bricht eine Welt zusammen, wenn sie von ihrer Zurückweisung erfahren.“ Oft liegen die Nerven blank – auch bei den Mitarbeitern, die sich um die Flüchtlinge kümmern, erzählt Javad Adineh. Der gebürtige Iraner ist seit 17 Jahren für die Caritas als Berater vor Ort und hat in dieser Zeit manche tragische Szene erlebt. Wie den Fall einer kurdischen Irakerin mit ihren Kindern, die abgeschoben wurde, obwohl der Vater bereits in Deutschland lebte. „Wie die Kinder sich immer wieder an den Vater geklammert haben, das werde ich nie vergessen“, sagt er.

Hamid versucht, seine Sorgen hinter einem Lächeln zu verstecken. Als aber die Sprache auf seine Eltern und seine Zukunft kommt, kann er die Tränen kaum zurückhalten. Die Zeit in der Unterbringungsstätte vertreibt er sich mit Sport und Puzzeln. Sollten sich in seinem Leben einmal alle Puzzle-Teile zu einem großen Ganzen zusammenfügen, würde er gern Fußballspieler werden, sagt er. Aber ob das klappt? „I''m always having bad luck“ – „Bisher hatte ich immer Unglück“, meint er.

Von Joachim Heinz

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