„Es wird keine WM geben“

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  • Rio de Janeiro - 16.05.2014

Mit teils gewalttätigen Ausschreitungen haben am Donnerstag (Ortszeit) in ganz Brasilien Gegner der in einem Monat beginnenden Fußball-WM protestiert. Allerdings gingen deutlich weniger Menschen auf die Straße als erwartet. Wie bereits bei den Protesten vom vergangenen Juni forderten die Demonstranten soziale Verbesserungen von der Regierung. Auch in Deutschland schließen sich inzwischen kirchliche Organisationen den Forderungen der WM-Kritiker an.

Rund 20.000 Demonstranten nahmen in 14 Großstädten an Kundgebungen teil, wobei sich die Anti-WM-Proteste mit denen streikender Gewerkschaften vermischten. So legten Obdachlosenverbände in Sao Paulo den Verkehr komplett lahm, bevor sie vor dem neuen WM-Stadion Sozialwohnungen und Landzuteilung einforderten. Später kam es im Zentrum zu Zusammenstößen Autonomer mit der Polizei. 20 Menschen wurden festgenommen.

Morde, Überfälle und Plünderungen

In Rio de Janeiro und anderen Städten demonstrierten neben WM-Gegnern auch streikende Lehrer. Die Polizei setzte Tränengas ein. Besonders heftige Ausschreitungen gab es im deutschen WM-Spielort Recife im Nordosten, in dem seit Dienstag die bewaffnete Landespolizei streikte. Obwohl Spezialkräfte des Militärs die Straßen sicherten, kam es zu Morden, Überfällen und Plünderungen. Am Donnerstagabend beendete die Polizei ihren Streik.

Aktion Steilpass

Zur Fußball-WM: 10 Regeln für ein Fairplay für alle

Adveniat

Die Regierung bangt ob solcher Bilder um ihr Image. Im Oktober wählt Brasilien den nächsten Präsidenten, und Amtsinhaberin Dilma Rousseff galt lange als Favoritin. Doch schlechte Nachrichten über unfertige und überteuerte Flughäfen und Stadien, über Pannen bei der WM-Planung und die Kritik an Enteignungen reißen nicht ab. Die Opposition wirft Rousseff Unfähigkeit vor. Gleichzeitig machen Sozialbewegungen auf den Straßen mobil.

Vor wenigen Tagen meldete sich Rousseffs Ziehvater und Vorgänger Luiz Inacio Lula da Silva zu Wort. Hinter den Protesten stecke die Opposition, die sich ein Scheitern bei der WM wünsche, auf und neben dem Spielfeld. Es war der damalige Präsident persönlich, der sich 2007 vehement für Brasiliens WM-Kandidatur einsetzte und dabei viele Versprechungen machte. Doch statt der Bevölkerung mit sozialen Verbesserungen kommt die WM eher der FIFA und brasilianischen Baulöwen zugute.

Ohne Gerechtigkeit keine WM

Bereits im Juni 2013 gingen Millionen Menschen auf die Straße, um gegen die teure WM und für soziale Verbesserungen zu demonstrieren. Statt teurer Stadien verlangten sie nach besserer Gesundheitsversorgung, mehr Bildung, Änderungen im politischen System und einem Ende der Korruption. Passiert ist wenig.

Eron Morais de Melo nimmt als Batman verkleidet an den Protesten in Rio de Janeiro gegen die Fussball-Weltmeisterschaft 2014 teil. KNA

„Ich bin hier, um die Absurditäten und die Veruntreuungen im Zuge der WM anzuklagen und um die Menschen aufzufordern, auf der Straße für ihre Rechte zu kämpfen“, sagt Eron Morais de Melo, der, als Batman verkleidet, an den Protesten in Rio teilnimmt. „Gotham City ist eine gewalttätige und korrupte Stadt, ähnlich wie Rio“, so der selbst ernannte Superheld.

„Es wird keine WM geben“, steht auf Plakaten, die die rund 1.000 Demonstranten in Rio hochhalten. Eigentlich ist der Slogan aus dem Zusammenhang gerissen. Vollständig lautet er: „Ohne soziale Gerechtigkeit wird es keine WM geben.“ Denn das Ziel der Demonstranten ist weniger, die WM zu kippen, als die Regierung zum Dialog über soziale Missstände zu bewegen.

Diesem Anliegen schließen sich jetzt auch katholische Organisationen aus Deutschland an. Am Montag starten sie die Aktion Steilpass , die von Brasiliens Regierung soziales Fairplay bei der Organisation und Durchführung der WM fordert. Die vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat, der Katholischen Landjugendbewegung (KLJB), Kolping International, der katholischen Arbeiterbewegung (KAB) und dem DJK-Sportverband organisierte Aktion sammelt Unterschriften für eine Online-Petition, die der Regierung in Brasilia vor der WM übergeben werden soll.

Von Thomas Milz

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