Ende der Flitterwochen

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  • Buenos Aires - 15.05.2014

Als der Sturm der Kritik losbrach, versuchte Erzbischof Jose Maria Arancedo die Gemüter zu beruhigen. Die Kirche stehe keinesfalls in der Opposition zur Regierung, so der Vorsitzende der Argentinischen Bischofskonferenz. Doch mit ihrer Kritik an der gesellschaftspolitischen Lage im Land hat die Ortskirche eine heftige Debatte losgetreten.

Zum Ende ihrer Vollversammlung in der vergangenen Woche hatten die argentinischen Oberhirten eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie offen die Situation in ihrem Heimatland kritisieren. Argentinien sei „an Gewalt erkrankt“ und leide unter einem „Krebsgeschwür der Korruption“.

Nicht nur die Zahl der Gewalttaten, auch deren Aggressivität habe deutlich zugenommen, kritisieren die Oberhirten. Staatliche wie private Korruption führten zu Ungerechtigkeit und Tod, die Abzweigung von Geld, das eigentlich für das Wohl des Volkes vorgesehen sei, zu Ineffizienz in Grunddiensten wie Gesundheit, Bildung und Transport. Zuletzt hatte die Heimatkirche von Papst Franziskus bereits auf den wachsenden Einfluss der Drogenkartelle in Argentinien hingewiesen und die Regierung von Staatspräsidentin Cristina Kirchner aufgerufen, schärfer gegen Kriminalität vorzugehen.

Regierung weist Kritik zurück

Argentiniens Gesellschaft sei keineswegs so gewalttätig wie zu anderen Zeiten, konterte die linksgerichtete Präsidentin. Bei der Einweihung einer Skulptur zu Ehren des vor genau 40 Jahren von Paramilitärs ermordeten katholischen Geistlichen Carlos Mugica warf sie den Bischöfen vor, gezielt alte Konfrontationen wieder aufleben lassen zu wollen. Auch ein Sprecher der regierungsnahen Jugendorganisation „La Campora“ wies die Stellungnahme der Bischöfe zurück. Argentinien sei nicht krank. Ein an Gewalt erkranktes Argentinien habe es 1955, 1976, 1989 und 2001 gegeben, so Campora-Führungsmitglied Josa Ottavis mit Blick auf die Militärdiktatur und auf die politischen und sozialen Unruhen der Vergangenheit.

Papst Franziskus ist am 18. März 2013 mit der argentinischen Staatspräsidentin Cristina Kirchner im Vatikan zu einem Gespräch zusammengetroffen. KNA

Seitdem vergeht kein Tag, an dem nicht beide Seiten die eigene Position noch einmal bekräftigen. Kirchners Kabinettschef Jorge Milton Capitanich kommentierte in Richtung der Bischöfe: „Die Liebe wird den Hass besiegen.“ Der Bischof der nordwestlichen Diözese Humahuaca, Pedro Olmedo, konterte: „Man kann nicht Probleme lösen, wenn man die Augen davor verschließt.“

Radikale Wende nach der Papstwahl

Nach der Papstwahl des Hauptstadtkardinals Jorge Bergoglio vor einem Jahr hatte sich das Verhältnis von Regierung und Kirche zumindest öffentlich deutlich entspannt. Kirchner vollzog eine radikale Wende. Während sie zuvor den Erzbischof Bergoglio jahrelang ignorierte, suchte sie nun auffallend oft die Nähe von Franziskus. Zudem entschied die Präsidentin, in diesem Jahr erstmals seit acht Jahren wieder am traditionellen Te Deum in der Kathedrale von Buenos Aires teilzunehmen.

Zuletzt hatte Kirchner 2006, damals an der Seite ihres Vorgängers und inzwischen verstorbenen Ehemanns Nestor Kirchner, dem Gebet beigewohnt. Erzbischof Bergoglio nutzte damals den Anlass zu einer kritischen gesellschaftspolitischen Bilanz der Lage im Land. In den Folgejahren blieb Kirchner dem Te Deum in Buenos Aires fern und nahm stattdessen an Gottesdiensten im Wallfahrtsort Lujan teil.

Am 25. Mai wird nun Erzbischof Mario Aurelio Poli, Nachfolger Bergoglios in Buenos Aires, die Predigt halten. Beobachter erwarten allerdings eine weniger kritische Auseinandersetzung. Poli, der im Februar von Franziskus in den Kardinalsstand erhoben wurde, gilt als weniger politisch als sein Vorgänger.

Von Tobias Käufer

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