„Der Spenderwille ist heilig“

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  • Troisdorf - 14.05.2014

Rupert Neudeck, Journalist und Gründer der Hilfswerke Cap Anamur und Grünhelme , wird heute 75 Jahre alt. Im Interview zieht er eine Bilanz seiner Arbeit und erklärt, dass er sich weiter engagieren will. Kritik äußert er an den großen UN-Hilfsorganisationen.

Frage: Herr Neudeck, ist mit 75 noch lange nicht Schluss?

Neudeck: Ich komme aus einer katholischen Familie, in der nur der Namenstag gefeiert wurde. Meine Mutter sagte immer: Geburtstag hat jede Kuh. Deshalb ist mir dieser Tag ziemlich egal. So lange es mir Freude macht, werde ich mich engagieren. Und es gibt nichts Schöneres, als etwas Sinnvolles tun zu können.

Frage: Mal sind Sie in Syrien, mal in Nordafrika und mal in Afghanistan. Gibt es eigentlich Kriterien dafür, wo Sie als Helfer tätig werden?

Neudeck: Manchmal sind es die Spender, die uns beauftragen. Nach dem Tsunami wollte ich eigentlich gar nicht in Indonesien tätig werden. Aber dann haben uns unsere Geldgeber von sich aus so viel Geld gegeben, dass wir gar nicht anders konnten. Der Spenderwille ist heilig. Manchmal sind auch gute Bedingungen entscheidend: In dem islamisch geprägten Mauretanien beispielsweise gibt es mit dem Münsterländer Martin Happe einen unglaublich klugen und beliebten katholischen Bischof aus Deutschland. Und weil Mauretanien eine zentrale Ausgangsbasis für Flüchtlinge nach Europa ist, haben wir dort gemeinsame Bildungsprojekte auf die Beine gestellt. Die Flüchtlinge erhalten eine handwerkliche Ausbildung, um in ihrer Heimat ihren Lebensunterhalt verdienen zu können.

Frage: Für Syrien treffen vermutlich aber beide Kriterien nicht zu...

Neudeck: Manchmal hat man als Hilfsorganisation einfach die Verpflichtung, sich zu engagieren: Wenn etwa Staaten nichts tun können oder wollen. Und wenn die Menschen von allen verlassen sind. Übrigens sind die Spenden für Syrien gar nicht so schlecht. Und bei allen Projekten von Cap Anamur und den Grünhelmen haben wir noch nie einen Korb von den Spendern bekommen.

Frage: Was treibt Sie eigentlich an?

Neudeck: Ich bin, wie gesagt, in einer Familie aufgewachsen, die das Evangelium, besonders die Bergpredigt, sehr ernst genommen hat. Auch das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter bringt es auf den Punkt: Wenn ich Menschen in Not erlebe, muss ich helfen, und zwar sofort und persönlich. Außerdem bin ich dankbar dafür, in einer so menschenfreundlichen Gesellschaft wie in Deutschland aufgewachsen zu sein. Rechtsstaat, Sozialstaat: Um diese Dinge beneiden uns Milliarden Menschen. Von diesem Glück will ich etwas zurückgeben.

„Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die das Evangelium, besonders die Bergpredigt, sehr ernst genommen hat.“

— Rupert Neudeck

Frage: Haben Ihre Kriegserlebnisse auch etwas damit zu tun?

Neudeck: Ende Januar 1945 hat meine Mutter mit uns vier Kindern auf der Flucht aus Ostpreußen ganz knapp das Lazarettschiff „Wilhelm Gustloff“ verpasst. Wenig später haben wir erfahren, dass das Schiff in der Ostsee von sowjetischen U-Booten versenkt wurde – mit mehr als 9.000 Opfern. Diese Erfahrung prägt mein Leben. Auch deshalb habe ich mich so direkt angesprochen gefühlt, als Ende der 70er Jahre Tausende vietnamesische Bootsflüchtlinge im chinesischen Meer kurz vor dem Ertrinken standen.

Frage: Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs hat einmal gesagt, ein Journalist sollte sich mit keiner Sache gemein machen, auch keiner guten. Haben Sie sich immer noch als Journalist verstanden?

Neudeck: Ich halte diesen Satz, mit Verlaub, für Unsinn. Natürlich sollte ich nicht parteiisch über politische Fragen berichten. Aber wenn ich als Journalist in ein KZ gehe oder das Elend der boat people sehe, dann muss ich schreien und schreiben.

Frage: Sie haben unter anderem über Camus promoviert. Kommen Sie sich manchmal vor wie sein Sisyphos?

Neudeck: Als humanitärer Helfer hat man keine Erfolgsgarantie. Man muss immer wieder einrechnen, dass Projekte scheitern. Aber ohne die Hoffnung, dass etwas gelingen kann, kann man auch nicht arbeiten. Aber Camus Aussage ist schon richtig: Wer immer strebend sich bemüht, kann ein glücklicher Mensch sein.

Architekt Till Gröner (Zweiter von links) baut für die nichtstaatliche Organisation Grünhelme die Krankenstation in Laongo mit. KNA

Frage: Sie arbeiten bei den Grünhelmen ohne großen Apparat. Zugleich haben Sie immer wieder die großen Hilfsorganisationen wegen mangelnder Flexibilität kritisiert. Gilt das immer noch?

Neudeck: In der Tat bin ich mit den großen UN-Organisationen immer noch über Kreuz – wegen ihrer First-Class-Mentalität, ihrem Absicherungsbedürfnis. Sie bräuchten eine Reform an Haupt und Gliedern. Sie sind nicht nah genug bei den Menschen in Not. Was aber nicht heißt, dass ich gegen die UNO bin. Im Gegenteil: Sie wird immer wichtiger. Was unsere eigene Arbeit angeht, glaube ich, dass wir sehr effektiv sind, ohne große Bürokratie, mit direkter unmittelbarer Kommunikation, natürlich nicht ohne Fehler. Da zitiere ich gern meinen theologischen Lehrer Johann Baptist Metz: Er forderte von seiner Kirche eine radikale Nachfolge Jesu, die auch manchmal subversiv sein kann. Das gilt auch für die humanitäre Hilfe.

Frage: Damit wären wir bei Ihrer katholischen Kirche, die Sie durchaus heftig kritisieren...

Neudeck: Natürlich kritisiere ich auch. Andererseits wird die Kirche immer wichtiger für die Menschheit – auch wenn die zurückgehenden Mitgliederzahlen in Deutschland einen anderen Eindruck erwecken. Aber im Evangelium ist uns nicht verheißen, dass wir unbedingt die Mehrheit der Bevölkerung stellen müssen.

Frage: Papst Franziskus und sein Besuch auf der Flüchtlingsinsel Lampedusa dürfte Ihnen sehr gefallen haben...

Neudeck: Das war schon unglaublich, dass Franziskus seinen ersten offiziellen Besuch bei den Flüchtlingen dort macht. Das ist ein Auftrag an uns alle. Er verkörpert eine ganz andere Form von Kirche: Wir brauchen weniger Kirchbauten, weniger Weihrauch und Selbstbeschäftigung, dafür mehr Telefonseelsorge und konkrete Hilfe für Menschen in Not. Das ist für mich die Kirche von morgen. Wenn ich höre, dass der Bischof von Rottenburg-Stuttgart ein leerstehendes Kloster für Flüchtlinge öffnet, dann ist das ein Signal in diese Richtung, das mich unglaublich freut.

Frage: Was können denn Menschen tun, die nicht so in der Welt herumreisen wie Sie selbst?

Neudeck: Jeder kann in seinem Umfeld genug tun. Jeder von uns kann Flüchtlingen vor Ort helfen, sie bei Behördengängen begleiten, ihnen Sprachunterricht geben. Man muss ja gar nichts Unmögliches tun – es kann sogar Spaß machen.

Frage: Was wünschen Sie sich zu Ihrem 75. Geburtstag?

Neudeck: Ich habe drei Wünsche: Ich würde gern noch einmal einen Marathon laufen, und zwar im Gazastreifen, der eine Küstenlinie von genau 42 Kilometern hat. Außerdem möchte ich gern noch eine dieser wunderbaren arabischen Sprachen lernen – zumindest in Ansätzen. Und drittens möchte ich mich dafür einsetzen, dass die Stadt in Ostpreußen, die früher Königsberg hieß und noch heute nach dem Verbrecher und früheren sowjetischen Staatsoberhaupt Kalinin benannt ist, einen neuen Namen erhält. Ich möchte eine Initiative mit anstoßen, die Stadt nach ihrem früheren Bürger und größten Philosophen der Neuzeit zu benennen. Nach Kant.

Das Interview führte Christoph Arens

Zur Person: Rupert Neudeck

Rupert Neudeck, Journalist und Gründer der Hilfswerke "Cap Anamur" und "Grünhelme", wurde am 14. Mai 1939 in Danzig geboren. Er hatte 1979 mit Unterstützung des Schriftstellers Heinrich Böll das deutsche Komitee "Ein Schiff für Vietnam" gegründet, aus dem 1982 das Komitee Cap Anamur/Deutsche Notärzte hervorging. Zwischen 1979 und 1982 holte die Organisation mit dem Frachter "Cap Anamur" vor der Küste Vietnams mehr als 11.000 sogenannte "boat people" aus dem Wasser.

Ende 2002 gab Neudeck sein Amt als Sprecher von Cap Anamur auf. Wenige Monate später gründete der Vater von drei Kindern die Organisation "Grünhelme", in der sich junge Handwerker verpflichten, für drei oder mehr Monate beim Aufbau von Häusern, Dörfern oder zerstörten Wasserleitungen in Krisengebieten zu helfen.

Neudeck entging als Kind auf der Flucht aus Ostpreußen nur knapp dem Untergang des Flüchtlingsschiffes "Wilhelm Gustloff", das von sowjetischen Torpedos versenkt wurde. Später studierte er Theologie in Bonn, Münster und Salzburg, wurde kurzzeitig Novize bei den Jesuiten und promovierte in Philosophie über das Thema "Politische Ethik bei Jean-Paul Sartre und Albert Camus". Anschließend arbeitete er als Journalist, zunächst bei der katholischen Funk-Korrespondenz in Köln, anschließend als freier Journalist und Redakteur beim Deutschlandfunk. Neudeck erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Theodor-Heuss-Medaille, den Bruno-Kreisky-Menschenrechtspreis, den Erich-Kästner-Preis und den Walter-Dirks-Preis. (luk/KNA)

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