„Die Staatengemeinschaft versagt jeden Tag“

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  • Münster - 29.04.2014

Mehr als eine Million syrische Flüchtlinge halten sich derzeit im Libanon auf – eine immense Herausforderung für das nur vier Millionen Einwohner kleine Nachbarland. Der Münsteraner Weihbischof Stefan Zekorn ist kürzlich von einer Delegations-Reise der Deutschen Bischofskonferenz in den Libanon zurückgekehrt. Im Interview spricht er über den Bürgerkrieg in Syrien und spart dabei nicht an Kritik.

Frage: Wie haben Sie die Situation der Christen im Libanon erlebt? Der Libanon gilt ja als das arabische Land, in dem auch Christen ausreichend große Freiheiten genießen.

Zekorn: Im Libanon sind circa 40 Prozent der Bevölkerung Christen, vor allem katholische, orthodoxe und armenische Christen. Sie können sich frei entfalten. Das politische System garantiert ihnen und den Muslimen gleiche Rechte.

Frage: Dennoch haben nach Angaben von Kirche in Not in den letzten 30 Jahren mehr als eine halbe Million Christen den Libanon verlassen. Was müsste vor Ort geschehen, damit dieser Exodus aus dem Libanon und aus dem Nahen Osten insgesamt gestoppt wird?

Zekorn: Der Grund dafür, dass viele Menschen – und unter ihnen auch viele Christen – den Libanon verlassen, liegt vor allem an der schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Situation des Landes. Der Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 hat bis heute seine Spuren hinterlassen. Eine große Belastung für das Land sind aber auch die palästinensischen Flüchtlinge, die seit 60 Jahren im Land sind, aber nach wie vor auf ihre Rückkehr nach Israel/Palästina warten, sowie die etwa 1,5 Millionen Menschen, die aus dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen sind. Ein Viertel der Bevölkerung des Libanon sind deshalb aktuell Flüchtlinge, die extrem arm sind und auf verschiedenen Ebenen Finanzen, Wirtschaft, Politik und Infrastruktur des Landes sehr stark belasten – zum Beispiel sind die Löhne im Land wegen der verfügbaren Arbeitskräfte stark gesunken. Um sich eine Vorstellung von den diesbezüglichen Herausforderungen zu machen, kann man sich vorstellen, ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland, also 27 Millionen der Einwohner Deutschlands wären Flüchtlinge ohne Hab und Gut.

Auf ihrer Reise in den Libanon besuchten die deutschen Bischöfe mehrere Camps für syrische Flüchtlinge. Bistum Münster

Um den Exodus der Christen aus dem Libanon zu stoppen, müsste vorrangig das Flüchtlingsproblem gelöst werden, damit sich das Land entwickeln kann. Auch müsste das politische System unabhängiger von den religiösen Gruppierungen und damit demokratischer werden. Dies gilt grundsätzlich auch für andere Länder des Nahen Ostens, auch wenn die Situation jeweils sehr unterschiedlich ist.

Frage: Die Reise fand vor dem Hintergrund des Krieges in Syrien statt. Dieser geht unvermindert weiter. Hat die Staatengemeinschaft hier versagt? Hätte die Stimme der Kirche hier lauter sein müssen?

Zekorn: Im Hinblick auf den Krieg in Syrien mit fast 300 Todesopfern täglich und ca. 9 Millionen Flüchtlingen versagt die Staatengemeinschaft jeden Tag. Unsere Gesprächspartner haben uns gebeten, dafür einzutreten, dass die europäische Politik sich intensiver für einen Waffenstillstand und eine Fortsetzung der Genfer Gespräche engagiert. Auch sollte die Politik sich dafür einsetzen, dass an keine der kriegsführenden Parteien Waffen oder militärische Ausrüstung geliefert werden. Dafür hat sich die Kirche von Beginn des Konflikts an stark engagiert.

Frage: Was können Christen in Deutschland tun, um den Menschen zu helfen?

Zekorn: Wir haben im Libanon Projekte besucht, die von Missio , dem Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ oder Misereor unterstützt werden und den Flüchtlingen dringend benötigte Hilfe bieten. Hier leistet die deutsche Kirche wichtige Beiträge. Missio unterstützt beispielsweise mitten im umkämpften Damaskus ein Haus für Frauen, die Gewalt erlitten haben. Durch Spenden an die genannten kirchlichen Hilfswerke kann den Menschen vor Ort konkret geholfen werden. Außerdem wird das Bistum Münster den Wiederaufbau zerstörter Kirchen in der Stadt Homs unterstützen. Immer wieder wurde auch unser Gebet erbeten. Unseren Gesprächspartnern habe ich dazu jeweils erzählt, wie intensiv viele einzelne Gläubige und viele Pfarreien von Beginn des Konflikts an für den Frieden in Syrien gebetet haben. Eine Ordensschwester sagte daraufhin dankbar: „Wir fühlen uns in all der Not getragen von der Kirche.“ Die Gesprächspartner baten uns, darin nicht nachzulassen.

© Bistum Münster

Link-Tipp

Weitere Informationen zur Reise der deutschen Bischöfe in den Libanon finden Sie auf der Webseite der Deutschen Bischofskonferenz und des Bistums Münster:

www.dbk.de

www.bistum-muenster.de

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