„WM kommt gerade zur rechten Zeit“

  • Essen - 25.04.2014

Sechs Wochen vor Beginn der Fußball-WM in Brasilien gab es in einem Armenviertel in Rio de Janeiro schwere Straßenschlachten zwischen Sicherheitskräften und Anwohnern. Im Interview äußert sich der Brasilien-Experte des katholischen Lateinamerikahilfswerks Adveniat , Klemens Paffhausen, zur Lage im Land. Er hat sich gerade vor Ort informiert. Zur WM werden 600.000 ausländische Touristen erwartet.

Frage: Herr Paffhausen, braut sich da was zusammen an sozialen Unruhen in Rio?

Paffhausen: Der konkrete Vorfall hängt, nach allem, was man hört, mit dem Einsatz der sogenannten Befriedungspolizei in den Armenvierteln zusammen. Im Vorfeld der WM versucht der brasilianische Staat, in Favelas, die nahe an den Touristenzentren liegen, ein gewisses Maß an Ordnung wieder herzustellen. Zum Teil sind das bislang No-Go-Areas für die Polizei. Während das früher mit brutaler Gewalt geschah, wird jetzt ein deeskalierendes Konzept verfolgt. Es geht zuerst darum, die Drogenbanden zu entwaffnen und damit auch für die über zwei Millionen Menschen, die in Rio in Armenvierteln wohnen, eine gewisse Sicherheit wieder herzustellen. Ende März ist das in der Favela Mare ausgeführt worden, wo über 130.000 Menschen leben. Derzeit steht die Armensiedlung nahe der Copacabana im Zentrum. Mittlerweile scheinen sich einige Drogenbosse zu wehren. Und sicherlich gibt es dabei auch Übergriffe von Seiten der Sicherheitskräfte, die einen enorm gefährlichen Job machen.

Frage: Ist dieses Vorgehen erfolgreich?

Paffhausen: Zunächst einmal ja. Die Menschen in den Favelas, insbesondere die vielen Kinder, werden ja von den Drogenbanden stark unter Druck gesetzt und erpresst. Auch die Diebstähle und Raubüberfälle nehmen ab – was den Bewohnern und Touristen zugute kommt. Man muss allerdings befürchten, dass die Drogenbanden dann in andere Quartiere ausweichen. Und wichtig wäre es, wenn die Bekämpfung der Kriminalität durch andere Maßnahmen ergänzt würde. Die Menschen in den Favelas brauchen Gesundheitsstationen, Schulen und eine Perspektive auf eine Arbeit. Sonst lässt sich die Lage nicht langfristig verbessern.

Frage: Könnten diese Auseinandersetzungen während der WM eskalieren?

Klemens Paffhausen (rechts) im Gespräch mit Adveniat-Projektpartnern in der Favela Morro do Foguteiro in Rio de Janeiro. KNA

Paffhausen: Das ist durchaus möglich. Die Behörden werden versuchen, im Vorfeld des Großereignisses möglichst die an neuralgischen Punkten gelegenen Favelas zu durchdringen. Da könnte die Gewalt durchaus eskalieren. Gut 30 der insgesamt 750 bis 1.000 Favelas in Rio sind bisher „befriedet“.

Frage: Im Herbst haben auch Randalierer der gefürchteten „Black Bloc“ für Unruhe gesorgt ...

Paffhausen: Dabei handelt es sich um Autonome, die nach dem Motto „Es wird keine WM geben“ für Randale gesorgt haben. Unklar ist, ob sie wirklich auf eigene Faust vorgehen. Manche Beobachter äußern den Verdacht, dass sie von den Behörden gesteuert sein könnten, um die friedlichen sozialen Proteste gegen die WM zu diskreditieren. In der Tat haben manche friedlichen Demonstranten schon erklärt, sie wollten mit solchen Gewalttaten nichts zu tun haben.

Frage: Diese sozialen Proteste gab es vor allem im vergangenen Juni beim Confed Cup. Erwarten Sie ein Wiederaufleben?

Paffhausen: Es gibt Anzeichen dafür, dass an vielen der WM-Spielorte solche medienwirksamen Proteste stattfinden werden. Vergangenes Jahr war das weitgehend spontan, jetzt gibt es verschiedene Komitees und Gruppierungen, die sich vorbereiten.

Umfrage: Wer ist der echte Nikolaus?

Weihnachtsmann vs. Nikolaus

Alicja Malinowski

Frage: Was wollen diese Proteste erreichen?

Paffhausen: Die Menschen demonstrieren dagegen, dass Milliarden Dollar für WM-Stadien und die Infrastruktur ausgegeben werden, während Schulen und Gesundheitswesen Mangel leiden. Aber es geht auch um das arrogante Vorgehen der FIFA und die Kommerzialisierung des Sports. Da sind etwa die Straßenhändler, die traditionell im Umfeld der Stadien ihre Süßigkeiten und Getränke verkaufen und damit ihre Familien ernähren. Jetzt schreibt die FIFA vor, dass sie mindestens zwei Kilometer Abstand von den Stadien halten müssen. Das gefährdet die Existenz der Menschen und ist für sie untragbar.

Frage: Haben die Proteste etwas bewirkt?

Paffhausen: Zunächst trafen sie auf völliges Unverständnis, etwa bei Präsidentin Dilma Rousseff oder bei Fußballidol Pele. Mittlerweile räumt die Regierung aber ein, dass es das Recht der Menschen ist, zu demonstrieren und auf Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen. Es gibt Zugeständnisse und Ankündigungen, dass auch mehr Geld in Gesundheit und Bildung fließen soll. Im Herbst sind Präsidentschaftswahlen – da werden sich die Politiker bewegen müssen.

„Im Herbst sind Präsidentschaftswahlen – da werden sich die Politiker bewegen müssen.“

— Klemens Paffhausen

Frage: Wie verhält sich die katholische Kirche Brasiliens?

Paffhausen: Die katholische Kirche legt seit Jahrzehnten den Finger in die offenen Wunden der brasilianischen Gesellschaft. Und sie hat von Anfang an klar gemacht, dass sie die Anliegen der Demonstranten inhaltlich teilt und es für notwendig hält, Bildung und Gesundheitssystem zu verbessern. Gerade erst hat die Kirche ihre Fastenkampagne unter das Thema Menschenhandel gestellt. Zudem unterstützt die Brasilianische Bischofskonferenz unsere Aktion Steilpass , die die Forderungen der Bevölkerung nach mehr Fairness und Gerechtigkeit unterstützt.

Frage: Also ist die WM durchaus ein Hebel, um Verbesserungen in der brasilianischen Gesellschaft durchzusetzen?

Paffhausen: Ich sehe das so. Manche haben ja kritisiert, dass die WM und die Olympischen Spiele 2016 viel zu früh kämen und Brasilien sich erst darauf konzentrieren solle, dass wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt Hand in Hand gehen. Ich meine, dass jetzt genau der Zeitpunkt ist, um die grundsätzliche Frage zu beantworten, wo Brasilien hingeht: Berauscht sich das Land an Superlativen wie protzigen Stadien und Rekord-Exporten, oder entwickelt sich auch die Gesellschaft weiter? WM und Olympia kommen gerade recht, damit die Gesellschaft wach wird und der demokratische Reifeprozess beschleunigt wird.

Das Interview führte Christoph Arens.

© KNA