Textilwirtschaft unter Druck

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  • Berlin - 24.04.2014

Politiker und Gewerkschafter fordern von der Textilindustrie einheitliche Sozial- und Umweltstandards in den Produktionsländern. Zugleich riefen sie die Unternehmen am Donnerstag in Berlin auf, die vereinbarten Entschädigungszahlungen an Opfer des Fabrikeinsturzes vor einem Jahr in Bangladesch zu zahlen.

Bundessozialministerin Andrea Nahles (SPD) und Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) erklärten, es sei nicht hinnehmbar, dass die internationale Textilwirtschaft erst etwa ein Drittel der vorgesehenen Summe für den Entschädigungsfonds geleistet habe. Gute Arbeitsbedingungen dürften nicht an den nationalen Grenzen haltmachen. „Leib und Seele müssen am Arbeitsplatz sicher sein“, erklärte Nahles.

Müller sagte, Deutschland müsse eine Vorreiterrolle einnehmen, damit sich Arbeitsbedingungen international verbesserten. Seit der Katastrophe sei zu wenig passiert. Noch immer warteten Opfer und deren Angehörige auf Entschädigungszahlungen – auch von deutschen Firmen, beklagte der Minister.

Mehr Transparenz einfordern

Die Grünen-Politikerin Renate Künast appellierte an die Verbraucher, mehr Transparenz einzufordern. Die bisherigen Versprechungen der Textilbranche für freiwillige Selbstverpflichtungen reichten nicht aus, schrieb Künast in einem Gastbeitrag für die „Frankfurter Rundschau“. Stattdessen brauche es strukturelle Veränderungen und feste Vorschriften weltweit.

DGB-Chef Michael Sommer forderte von der Textilindustrie, Verantwortung für die Opfer zu übernehmen. Bisher hätten die betroffenen Konzerne nur 11 von zugesagten 40 Millionen Euro für Entschädigungen gezahlt. Der DGB erwarte, dass die Unternehmen noch am heutigen Stichtag ihre vollen Kompensationszahlungen leisteten, sagte Sommer dem Bayerischen Rundfunk in München.

Laut dem scheidenden DGB-Vorsitzenden hat es in der Zwischenzeit Verbesserungen für die Lage der Arbeiter gegeben: „Einige Textilfabriken haben sich zusammengeschlossen und machen jetzt einen vernünftigen Arbeitsschutz. Das machen einige – aber nicht alle.“

Neue Kampagne für Unternehmensverantwortung

Die Kampagne für Saubere Kleidung kündigte unterdessen gemeinsam mit der Gewerkschaft Verdi, FIAN, der Christlichen Initiative Romero und dem INKOTA-Netzwerk eine neue Kampagne Eigentum verpflichtet – für gesetzliche Unternehmensverantwortung an. Diese kämpfe dafür, dass Unternehmen für Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen sowie Umweltschäden haftbar gemacht würden.

„Das Unglück in Rana Plaza zeigt, wie wichtig eine gesetzliche Unternehmensverantwortung ist, die auch vor nationalen Grenzen nicht Halt machen darf – zumal wir es mit Produktions- und Lieferketten zu tun haben, die über deutsche Ländergrenzen hinweg gehen“, unterstrich Stefanie Nutzenberger, Verdi-Vorstandsmitglied für den Handel, das Anliegen der Kampagne.

Beim schwersten Unglück der Textilindustrie starben vor einem Jahr durch den Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch rund 1.130 Menschen; 2.000 wurden teils schwer verletzt. Am kommenden Mittwoch soll im Entwicklungsministerium der erste „Runde Tisch Textil“ stattfinden, zu dem Müller Vertreter der Textilwirtschaft, der Gewerkschaften und der Zivilgesellschaft eingeladen hat.

Die Entwicklungszusammenarbeit unterstützt laut dem Ministerium die Einführung und Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards im Textilsektor in Bangladesch. Dazu zählten Aufklärungskampagnen, Fort- und Ausbildungsangebote sowie die Ausstattung staatlicher Arbeitsinspektoren, die die Fabriken kontrollieren. (lek mit KNA)

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