Zwischen Hoffnung und Angst

  • Kriegstagebuch - 22.04.2014

Seit Dezember herrscht im jüngsten Land der Erde ein blutiger Bürgerkrieg. Immer wieder flammen im Südsudan Kämpfe zwischen den Anhängern von Präsident Salva Kiir und dem früheren Vizepräsidenten Riek Machar auf. Tod, Not, Elend und Hunderttausende Vertriebene sind das Ergebnis. Der Comboni-Missionar Pater Gregor Schmidt lebt im Bundesstaat Jonglei, der gewaltreichsten Region im Südsudan. Die dortige Bevölkerung gehört zum Volk der Nuer, dem auch Riek Machar angehört. Für das Magazin „Kontinente“ schrieb der Ordensbruder zwei Tagebucheinträge:

Old Fangak, 11. März 2014

Diese Woche ist der charismatische Rebellenführer Gabriel Tang Gatwich, auch bekannt unter dem Namen „Tang-Ginye“, mit etwa 1.000 Soldaten in Old Fangak angekommen und von der Bevölkerung mit Jubel und Spalier empfangen worden. Sie sind auf der Durchreise nach Malakal, um den Norden des Landes fest unter der Kontrolle der Rebellen zu behalten. Tang-Ginye ist von keiner Autorität ernannt worden. Seine Soldaten folgen ihm, weil sie ihm als eine Art spiritueller Führer vertrauen. Spiritualität und Krieg sind keine Gegensätze nach alter Tradition. In der Geschichte hatten mehrere Nuer-Propheten eigene Kampfverbände.

Das Dorf Old Fangak liegt im Nordwesten des Bundesstaates Jonglei, der gewaltreichsten Region des Landes. Die dortige Bevölkerung gehört zum Volk der Nuer. P. Gregor Schmidt

Nach eigener Schilderung waren die Soldaten Tang-Ginyes vor einem Monat noch 3.000. Knapp 1.000 sind seitdem in Gefechten mit der Regierung umgekommen, aber an allen Orten schließen sich neue Männer an. Tang-Ginye macht einen sanftmütigen und vornehmen Eindruck. Heute hat er einen Besuch in der Kirche angekündigt, denn er ist katholisch. Er hat nicht um Erlaubnis gefragt, sondern uns durch einen Soldatensprecher lediglich über das Treffen informiert. So wissen wir nicht, was das Programm ist. Das einzige, um was wir bitten, ist, dass keine Waffen in die Kirche genommen werden. So steht seine Leibwache vor dem Portal. Tang-Ginye ist gekommen, um zu beten. Er sagt nichts über den Konflikt; er erwähnt seinen Widersacher, den Präsidenten Salva Kiir, nicht. Stattdessen erzählt er uns, wie Gott ihn in verschiedenen Situationen vor dem Tod bewahrt hat. Glücklicherweise fordert er uns nicht zu einem Segensgebet auf. Aber er ist sowieso der Meinung, dass er schon gesegnet ist. Sein Besuch ist ein Dank an Gott. In den Fürbitten, bei denen sich jeder beteiligen kann, wird unverstellt für Gottes Schutz im Kampf gegen die Regierung gebeten, auch von unseren Katechisten, den katholischen Gemeindeleitern.

„Aber wie hätten wir Comboni-Missionare uns verhalten sollen? Jetzt ist auch die lokale Kirche ein Befürworter des Krieges.“

— P. Gregor Schmidt

Die Bevölkerung sieht in dem Rebellenkampf den gleichen Freiheitskampf wie gegen die Regierung in Karthum. Dabei hat Tang-Ginye eine sehr ambivalente Rolle im Südsudan. Er hat in der Vergangenheit sich sowohl mit der arabischen Regierung wie mit der SPLM verbündet. Er hat Massaker verübt und Kindersoldaten rekrutiert. Seine Soldaten haben Zivilisten terrorisiert und sind verantwortlich für Vergewaltigungen und Verstümmelungen. Wenigstens wissen sie sich in Old Fangak zu benehmen und plündern nicht unseren Markt. Am Ende des Gebetes werden noch ein paar Fotos gemacht. Alle sind herzlich und ausgelassen. Aber wie hätten wir Comboni-Missionare uns verhalten sollen? Jetzt ist auch die lokale Kirche ein Befürworter des Krieges.

Phom, 2. Januar 2014

Ich befinde mich im Rebellengebiet der Nuer im Nordosten des Bundesstaates Jonglei. Jeden Tag kommen hunderte Menschen an, die vor der Regierungsarmee fliehen. Sie berichten, dass Männer umstandslos erschossen werden. Aber auch Frauen und Kinder sind nicht sicher. Ich bin seit dem 4. Advent in der Kapelle in Phom und habe jeden Morgen nach dem Gebet ein Arbeitstreffen mit Michael, dem Katechisten. Heute erzählt er mir von der Predigt eines Pastors, der gestern den Gottesdienstbesuchern versichert hat, dass die Nuer mit Jesu Hilfe im Kampf gegen den Präsidenten und sein Volk, die Dinka, siegen werden. Der christliche Gott degradiert zu einem Stammesgott … Ich antworte Michael, dass der „Sieg“ im Sinne Jesu darin besteht, dass sich Menschen bekehren – konkret, dass sich Nuer und Dinka versöhnen werden.

Seit Beginn des bewaffneten Konflikts im Dezember 2013 sollen Tausende Menschen getötet worden sein. P. Gregor Schmidt

Weil mich interessiert, in wieweit Michael frei von ethnischen Erwägungen ist, frage ich ihn, was er von der Weissagung des Propheten Ngundeng hält, der vor knapp einem Jahrhundert lebte und voraussagte, dass ein Nuer im Süden des Sudan die schwarzen Völker regieren wird. Er wird ein Linkshänder mit einer Zahnlücke sein, dem, entgegen der Nuer Tradition, nicht mehr mit einem Speer die sechs Linien in die Stirn geritzt werden – Eigenschaften, die auf den Rebellenführer Riek Machar zutreffen und die seine Anhänger an ihn binden. Umso ernüchternder ist die Antwort von Michael: Wenn er auf Gewalt angewiesen ist, um Präsident zu werden, dann ist er von der Weissagung nicht gemeint. Michael ist ein Christ, wo ich spüre, dass er Jesus und sein Versöhnungswerk sich zu Eigen gemacht hat.

Während wir an diesem Morgen reden und Tee trinken, explodiert plötzlich eine Granate – keine 100 Meter von uns. Der Markt grenzt an das Grundstück der Pfarrei. Dort ist ein Soldat mit einem Händler in Streit geraten. Als Polizisten dem Händler zu Hilfe kommen, zündet der Soldat eine Handgranate, die zwei Personen tötet und viele verletzt. Mir wird bewusst, dass die friedlichen Tage in Phom überhaupt nicht selbstverständlich sind. Es wird woanders von Plünderungen der Armee wie der Rebellen berichtet. Wir verdanken dem umsichtigen Verhalten der Kommandeure, dass das Leben weitestgehend normal geblieben ist. Damit das auch so bleibt und die Bevölkerung nicht vor den eigenen Beschützern Angst haben braucht, wird der Täter noch am selben Tag standrechtlich erschossen. Alle Soldaten sollen verstehen, dass sie sich gegenüber Zivilisten korrekt verhalten müssen.

Von Pater Gregor Schmidt

Aus: kontinente. Ausgabe Mai/Juni 2014. Mit freundlichen Dank für die Abdruckgenehmigung.

© Magazin „Kontinente“

„Ich erwarte nichts Gutes“

Im Interview mit dem Internetportal Weltkirche sprach Pater Gregor Schmidt im Februar 2014 über die Lage im Südsudan und blickte dabei mit Sorge in die Zukunft.

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„Wo sollen sie hin?“

Pater Gregor Schmidt im Interview mit dem Südwind-Magazin (März 2014) über die Ursachen des Konflikts:

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Christliche Verkündigung mitten im Bürgerkrieg

Im Interview mit dem Institut für Weltkirche und Mission (10.02.2014) spricht Pater Gregor über seine Missionsarbeit bei den Nuer:

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Hintergrund

Auf der Webseite der Comboni-Missionare finden Sie stets aktuelle Nachrichten aus dem Südsudan:

zur Webseite

Im Rundbrief von Pater Gregor vom 8. Januar 2014 lesen Sie eine umfangreiche Analyse der Ursachen des Konflikts im Südsudan:

Rundbrief lesen

Ein weiteres Hintergrundpapier finden Sie beim Netzwerk Afrika Deutschland (NAD):

Hintergrund lesen

Nachrichten aus dem Südsudan – zusammengefasst von Pater Gregor und seinem Mitbruder Raymondo Rocha:

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Botschaft des südsudanesischen Kirchenrats zu den Machtkämpfen in Juba (DOC) (17.12.2013):

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