Die „Wiege des Christentums“ in Bedrängnis

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  • Berlin - 22.04.2014

Das Christentum im Nahen Osten und im Heiligen Land droht mehr und mehr zu einer „Museumskirche“ zu werden. Vor dieser Entwicklung hat der Ende vorigen Jahres verstorbene Dominikaner Jerome Murphy O''Connor, der 40 Jahre in Jerusalem lebte, bereits 2006 gewarnt.

Ostern gehört zu jenen Festen, die Christen verstärkt auf jene Region blicken lassen, in der Jesus von Nazareth lebte und das Evangelium verkündete. Seit dem „Arabischen Frühling“ verschlechtert sich hier die Lage – auch für die Christen. Eine Delegation der Deutschen Bischofskonferenz reist heute bis zum 26. April in den Libanon, um sich über die Lage der dortigen Christen und der syrischen Flüchtlinge zu informieren. Unter Leitung des Bamberger Erzbischofs Ludwig Schick, dem Vorsitzenden der Kommission Weltkirche, trifft sie auch mit Vertretern der dortigen Kirchen und Politikern zusammen, um Hilfsmaßnahmen zu erörtern.

Als „besorgniserregend“ und „bedrückend“ bewertet Thomas Volk, Mitarbeiter der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), in einer aktuellen Analyse die Situation der orientalischen Christen, die einer Vielzahl von Konfessionen angehören. Diese lebten inzwischen in ihren Ländern „in der Minderheit und größtenteils unter erheblichen Einschränkungen ihrer Religionsfreiheit“. Im Nahen Osten mit seinen islamischen Bevölkerungsmehrheiten gebe es geschätzt noch 15 Millionen Christen. „In Anbetracht der Region als der historischen ‚Wiege des Christentums‘ ist das eine überschaubare Anzahl“, so Volk, KAS-Koordinator für Islam und Religionsdialog. Lag der Bevölkerungsanteil der Christen im Nahen Osten um das Jahr 1900 noch bei 25 Prozent, so ist er heute auf 5 Prozent geschrumpft; Tendenz sinkend.

Erzbischof Ludwig Schick, Vorsitzender der Bischöflichen Kommission Weltkirche KNA

Verfolgung der Christen im Nahen Osten nimmt zu

Nach dem Wunsch des Papstes sollten die Katholiken in aller Welt bei den Kollekten an Karfreitag für ihre Glaubensgeschwister im Heiligen Land spenden. Über den seit Jahrzehnten anhaltenden Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern hinaus hat sich die Lage besonders durch Konflikte in Syrien und Ägypten wie auch die dadurch ausgelösten Flüchtlingsströme in den Libanon und nach Jordanien deutlich zugespitzt. Mit seinem Besuch im Heiligen Land Ende Mai will Papst Franziskus den dortigen Christen Solidarität bezeugen und sie zum Verbleib in ihren Heimatländern ermutigen.

In den Ranglisten jener Staaten, die gegen die Menschenrechte und die Religionsfreiheit verstoßen, nehmen Länder wie Ägypten, Iran, Irak, Saudi-Arabien, Syrien und Türkei vordere Plätze ein. Vor allem in jüngster Vergangenheit hat sich die Anzahl der dort lebenden Christen durch Vertreibung, Zwangskonversionen und Auswanderung drastisch reduziert.

Die katholischen Bischöfe im Heiligen Land haben Anfang April davor gewarnt, dass die Art und Weise, wie teilweise im Westen von der Verfolgung der Christen im Nahen Osten gesprochen werde, dem Kalkül der dortigen Extremisten entgegenkomme. Es bestehe kein Zweifel daran, dass die Aufstände und Umwälzungen in der Region Extremisten den Weg geebnet hätten. Aber die Christen seien nicht die einzigen Betroffenen, betonen die Oberhirten in ihrer Erklärung. Auch viele gemäßigte Muslime würden Opfer der allgemeinen Gewalt und Brutalität.

Christen und Muslime gemeinsam gegen Extremismus

Zugleich räumen die Bischöfe ein, dass die Christen unter den Regimen, gegen die sich jetzt der Widerstand richte, in relativer Sicherheit gelebt hätten. Selbstkritisch fragen sie, ob es nicht besser gewesen wäre, aus Loyalität zum eigenen Glauben und aus Sorge um das Wohl der eigenen Länder „früher etwas zu sagen“ und für notwendige Reformen einzutreten. Jetzt sollten Christen und Muslime gemeinsam den extremistischen Kräften widerstehen, die Gesellschaften anstrebten, „in denen es keine Christen mehr gibt und in denen sich nur wenige Muslime zuhause fühlen würden“.

Die bedrängten Christen im Nahen Osten, schließt Volk seine Übersicht, benötigten und verdienten die Solidarität der westlichen Staatengemeinschaft. Es gehe darum, „dass die über Jahrtausende währende Tradition des orientalischen Christentums fortbestehen kann und zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht tatsächlich zu einer Art ‚Museumskirche‘ verkommt“.

Von Albert Steuer

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