Neuanfang nach dem Super-Taifun

  • Visayas - 08.04.2014

Fünf Monate nach dem Taifun „Haiyan“ ist das Ausmaß der Zerstörung auf der philippinischen Inselgruppe der Visayas immer noch gigantisch. Markus Frädrich von den Steyler Missionaren hat die Katastrophenregion und Wiederaufbauprojekte der Steyler besucht:

Die Stimme von Schwester Marie Claire Manding überschlägt sich beinahe, wenn sie sich an den 8. November 2013 erinnert. Den Tag, als der Taifun „Haiyan“ auf die philippinische Küste prallte – mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 350 Kilometern pro Stunde.

„Als ich aus meinem Zimmer kam, sah ich schon, wie das Wasser hereinströmte, obwohl unsere Eingangstür verschlossen war“, erzählt die Steyler Missionsschwester über den Sturmtag in Tacloban. „Bald bildete sich ein Strudel, wie in einer großen Waschmaschine. Unser Tisch, unsere Stühle und alle übrigen Einrichtungsgegenstände wurden mitgerissen. Irgendwann wunderten wir uns, dass es so hell war. Und als wir nach oben sahen, stellten wir fest, dass wir kein Dach mehr über uns hatten. Es war einfach weggeflogen.“

Sie sei mit ihren Mitschwestern ins obere Stockwerk geflüchtet, erinnert sich Schwester Marie Claire weiter, und habe von dort aus zugesehen, wie das Wasser Treppenstufe für Treppenstufe stieg. „Irgendwann klopfte es von außen. Jemand rief nach uns – es waren die Wachen. Ich weiß nicht wie, aber irgendwie ist es ihnen gelungen, zu uns hineinzukommen.“

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Vier Millionen Menschen obdachlos

Die Steyler Schwestern haben ihn heil überstanden – jenen Schicksalstag für Tacloban, an dessen Ende sich die Küstenstadt in ein Trümmerfeld aus Holz, Schutt und Schlamm verwandelt hatte. Etliche Straßen waren unpassierbar, Strom- und Telefonnetz teilweise zusammengebrochen, viele der insgesamt rund 4,3 Millionen Betroffenen von der Außenwelt abgeschnitten. Die Bilanz von „Haiyan“: Rund 7.000 Tote, mehr als 26.000 Verletzte. Vier Millionen Menschen sind seit dem Sturmtag obdachlos.

„Es war ein heilloses Durcheinander“, erinnert sich Pater Yustinus Agus an die ersten Stunden und Tage nach dem Taifun. „Ich hatte schon mit einigen Taifunen zu tun, unter anderem mit ‚Pablo‘ im Jahr 2012. Aber ein solches Ausmaß an Zerstörung habe ich noch nicht erlebt. Als sich das Wasser wieder zurückgezogen hatte, liefen die Menschen völlig verzweifelt und orientierungslos durch die Straßen. Sie sahen aus wie Zombies.“

Notpakete für Betroffene

Während im Steyler Krankenhaus in Tacloban freiwillige Ärzte unter widrigsten Bedingungen um das Leben der Patienten kämpften, bereiteten sich auf der Nachbarinsel Cebu Psychologen der Steyler San-Carlos-Universität darauf vor, Traumatisierte zu betreuen. Auch die übrige Soforthilfe des Steyler Missionsordens wurde von Cebu aus koordiniert: Dank großzügiger Spenden aus aller Welt und vieler freiwilliger Helfer konnten die Steyler in besonders betroffenen Gebieten über 10.000 Notpakete verteilen. In ihnen fanden die Taifun-Opfer das Nötigste zum Überleben: Nahrung und Kochutensilien, Kleidung und Decken, Taschenlampen mit Batterien.

Tacloban fünf Monate später: Immer noch werden Tote aus den Trümmern geborgen. Riesige Schiffswracks blockieren Siedlungsgebiete an der Küste. Menschen stehen für Lebensmittel und Hilfsgüter Schlange. Und doch: Überall wird schon wieder gehämmert und gewerkelt.

Die Steyler Missionare haben dabei geholfen, rund 2.400 Häuser im Katastrophengebiet wiederaufzubauen. Im Barangay Del Carmen sind rund 140 neue Haushalte entstanden. Achim Hehn/SVD

In unmittelbarer Nachbarschaft zu einem gestrandeten Ozeanriesen ist etwa der 30-jährige Joe gerade dabei, das Dach seines Hauses zu reparieren. „Im Taifun habe ich meine Mutter und meine Schwester verloren“, erzählt der junge Mann. „Es muss trotzdem irgendwie weitergehen.“ Ein paar Kilometer weiter pinselt Albert an der Außenwand der Steyler Krankenhauses. Der 24-Jährige Handwerker arbeitet schon seit vielen Jahren für die Missionare – und wandte sich deshalb auch an sie, als er nach dem Taifun kein Dach mehr über dem Kopf hatte. „Die Flutwelle hatte mein Haus komplett weggerissen“, erinnert er sich. „So habe ich mit meiner Frau, meinen beiden Kindern und anderen Flüchtlingen in der Steyler Schule von Tacloban Zuflucht gesucht. Das Gebäude habe ich selbst angestrichen und wusste deshalb, dass es gut gebaut ist. Zwei Monate blieben wir dort, bis ich die nötigsten Dinge an meinem Haus wiederaufgebaut hatte.“

Steyler helfen beim Wiederaufbau

Rund anderthalb Autostunden südlich von Tacloban besucht der Steyler Missionar Pater Testado heute Barangay Del Carmen, ein kleines Dorf, das eingebettet in Kokosnussplantagen liegt. „Als wir hierher kamen, war die Verwüstung sehr groß“, erklärt der Steyler Missionar. „Es standen kaum mehr Häuser. Darum haben wir uns entschieden, hier eines unserer Siedlungsprojekte zu verwirklichen und 140 neue Häuser zu bauen. Von diesen stehen bereits 132. Acht Häuser sind noch im Aufbau.“

Bereits fertig ist das Haus von Amicamba. Die junge Frau bewohnt es gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren beiden Söhnen. „Während des Taifuns hatten wir große Angst“, erinnert sie sich. „Wir sind in unsere Dorfschule evakuiert worden. Dort saßen wir zitternd in einem der Klassenräume und hörten den Wind heulen. Als wir wieder herauskamen, war unser Haus total zerstört. Wir haben im Taifun alles verloren – und sind deshalb sehr glücklich über dieses neue Haus, das uns die Steyler Missionare ermöglicht haben.“

Rund 2.400 Häuser sind mithilfe der Steyler inzwischen im Norden der Insel Cebu, auf der Insel Bantayan und auf der Insel Leyte gebaut worden. Viele weitere sind in Planung. Als Pater Testado auf der Küstenstraße zurück nach Tacloban fährt, wird sie kilometerlang von zerstörten Fahrzeugen und Privathäusern, Fabriken und Schulen gesäumt. Zwischendrin: immer wieder Zeltstädte für Flüchtlinge. Die Region und ihre Menschen sind auch Monate nach dem Taifun immer noch gezeichnet. Bis hier und auf den Nachbarinseln wieder Normalzustand herrscht, wird es noch viele Jahre dauern.

Von Markus Frädrich

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www.steyler-mission.de

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