Rodrigos Match des Lebens

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  • Rio de Janeiro - 07.04.2014

Am Sonntag endete in Rio de Janeiro die Fußball-Weltmeisterschaft – nicht die von der FIFA organisierte, Milliarden teure Großveranstaltung, sondern die der Straßenkinder aus aller Welt. Anders als bei den hochbezahlten Profis ist der Sieg auf dem Platz nicht das Wichtigste; für die Jugendlichen ist es bereits ein Erfolg, am Leben zu sein.

Sie spielen nicht auf der Straße, sondern im Maracana, in Soccer City und auf dem Rasen von River Plate. Namen weltberühmter Fußballtempel, die die Veranstalter den drei kleinen Rasenflächen in dem Camp außerhalb von Rio de Janeiro gegeben haben. Jugendliche aus 19 Ländern sind für das einwöchige Turnier angereist, 15 Jungenteams und neun Mädchenmannschaften, die meisten aus Lateinamerika, Afrika und Asien. England und die USA vertreten die sogenannte „erste Welt“.

Gastgeber Brasilien spielt ohne Kapitän Rodrigo

Gastgeber Brasilien gehört auch hier zu den Top-Favoriten. Sie müssen ohne Kapitän Rodrigo auflaufen. Vor einem Monat wurde er auf dem Weg zum Training erschossen, fünf Kugeln an seinem 14. Geburtstag. Ein Beispiel für die „sinnlose Gewalt in den Peripherien der großen brasilianischen Städte“, sagt Manoel Torquato, Leiter der Delegation.

Das Team war schockiert, „aber die Jungs haben gelernt, damit zu leben“. Rodrigo ist bereits das sechste Straßenkind, das die Nichtregierungsorganisation „O Pequeno Nazareno“ aus dem nordöstlichen Fortaleza in diesem Jahr beerdigt hat. Hintergrund der Tat dürfte seine frühere Aktivität in der Drogenszene gewesen sein.

Andere Jugendliche wurden nachts im Schlaf erschossen. Sechs Tote unter 40 Straßenkindern, die die Organisation mit Unterstützung des deutschen Hilfswerks Misereor in Fortaleza betreut. Um weitere 160 kümmert man sich in Recife und Manaus.

Hartes Vorgehen gegen Straßenkinder

Die Organisatoren des „Street Child World Cup“, wie die WM offiziell heißt, hatten das Team von „O Pequeno Nazareno“ als Vertreter Brasiliens bestimmt, ein Lob für ihre Arbeit, so Torquato. Die mit dem Fußballturnier verbundene Öffentlichkeit sei dringender nötig als je zuvor. „In den letzten Monaten geht die Polizei immer härter gegen die Kids vor, vertreibt sie von den Straßen.“

Man wolle die sozialen Probleme vor Touristen und der internationalen Presse verstecken, meint Torquato. Dazu zählen in den Augen der Mächtigen auch die Straßenkinder: Für sie seien sie nicht viel mehr als „lixo humano“ – menschlicher Abfall, so der Delegationsleiter.

„I am somebody – Ich bin jemand.“

Chris Rose kennt vergleichbare Situationen schon aus dem südafrikanischen Durban. Dort organisierte Rose, ein hünenhafter Engländer, 2010 zum ersten Mal die Straßenkinder-WM. Auch dort mussten nach seinen Worten Straßenkinder weichen, um den FIFA-Touristen ein perfektes Land zu präsentieren. In Südafrika wie in Brasilien wurden Milliarden für die WM ausgegeben, die im Sozialbudget fehlten. Rose fordert neue Prioritäten. Die Kinder verdienten gesellschaftliche Anerkennung. Das Motto der WM lautet deshalb auch ganz simpel: „I am somebody – Ich bin jemand.“

Spieler William vom Brasilianischen Team. KNA

„Pequeno Nazareno“ bietet Straßenkindern eine Zukunft

William ist jemand. Mit seinen 15 Jahren hat er schon viel erlebt. Überlebt. Drogen, ein Leben auf der Straße. Jetzt trainiert er täglich im Team des „Pequeno Nazareno“ und wohnt wieder zu Hause.

Profi will er werden, wie Daniel Alves vom FC Barcelona. Wenn Alves mit Brasilien im Juni in Fortaleza zum WM-Spiel gegen Mexiko antritt, möchte William dabei sein. Er wohnt gleich neben dem Castelao-Stadion und erklärt, dass er sich demnächst eine Karte kaufen wolle. Dass die WM-Spiele Brasiliens seit Monaten ausverkauft sind, weiß er offenbar nicht.

Immer wenn William und sein Team auflaufen, wird ein Bild von Rodrigo vorangetragen. Ihr ermordeter Kapitän ist zum Sinnbild dieser WM geworden, ein Held, wenn auch ein tragischer. Nach dem Turnier hätte er in der Jugendmannschaft des Proficlubs Ceara aufgenommen werden sollen. Das wollte man ihm nach der WM mitteilen, als Überraschung.

Jetzt prangt sein Porträt übergroß auf einer Wand in „Soccer City“, zum Gedenken. Vielleicht auch zur Mahnung für manche Spieler, wie schnell ihre Träume zu Ende gehen können.

Von Thomas Milz

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