Völkermord in Ruanda – ein Rückblick

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  • Bonn - 04.04.2014

Zwanzig Jahre nach dem Genozid in Ruanda ist es immer noch unbegreiflich, wie es zu dem bestialischen Völkermord kommen konnte. Ein Blick auf die Vorgeschichte zeigt, wie sich die Situation über Jahrzehnte entwickelt und sich im April 1994 so zugespitzt hat, dass alle Regeln und Gesetze außer Kraft gerieten.

Die Geschichte beginnt in vorkolonialer Zeit und mündet in den April 1994, in dem Werte und Moral im Chaos untergingen. Als die Deutschen 1899 die Kolonialherrschaft in dem zentralafrikanischen Land übernahmen, lebten dort Tutsi und Hutu zusammen. Erstere waren überwiegend Viehzüchter und standen über den Hutus, die als Ackerbauern arbeiteten. Der soziale Status im Land war jedoch nicht festgeschrieben, durch Heirat konnte man auch zur anderen Bevölkerungsgruppe wechseln.

Ethnische Zugehörigkeit schwarz auf weiß

Erst die rassistische Ideologie der deutschen Kolonialherren, die der Minderheit der Tutsi einen europäischen Ursprung zuschrieben, verfestigten ihren Herrscheranspruch. 1933 – mittlerweile hatten die Belgier die Kolonie übernommen – erhielten alle Einwohner Ausweispapiere, die die ethnische Zugehörigkeit zu den Hutu oder Tutsi schwarz auf weiß festhielt. Aus der Unterscheidung nach sozialem Status wurde eine Unterscheidung nach Rassen.

„Nach dem System von Teile und Herrsche wurden die Tutsi bevorzugt und die Hutu zum reinen Arbeitsvolk degradiert. So war der Samen gelegt“, erklärt Ilona Auer-Frege, Ruanda-Expertin und Leiterin des Berliner Büros von Misereor .

Die Kolonialzeit endete, die Trennung der Tutsi und Hutu blieb und wurde für den Wahlkampf instrumentalisiert. Der Hutu-Kandidat hatte 90 Prozent der Bevölkerung auf seiner Seite und damit den Wahlsieg in der Tasche.

„Nach dem System von Teile und Herrsche wurden die Tutsi bevorzugt und die Hutu zum reinen Arbeitsvolk degradiert. So war der Samen gelegt.“

— Ilona Auer-Frege, Misereor

Das Blatt wendet sich

Ende der 70er Jahre wendete sich das Blatt für die Tutsi. „Die verhasste und von den Kolonialherren verhätschelte Minderheit musste nun herhalten für Ablenkungsmanöver der Regierung“, sagt Auer-Frege. Sie wurden zum Sündenbock für Misswirtschaft und politisches Versagen in dem Land, das zu den ärmsten der Welt gehört. Es gab immer mehr Spannungen und erste Pogrome gegen die Tutsi.

Wie aber konnte es 1994 zum Völkermord kommen? „Man muss sich vorstellen, die Bevölkerung hatte keine Zukunftsperspektiven. Die Menschen waren auf Landwirtschaft beschränkt, von der sie gerade so überleben konnten“, sagt Auer-Frege, die selbst in Ruanda gelebt hat. „Auf der anderen Seite herrschte eine große Obrigkeitshörigkeit. Gehorsam, militärische Ausbildung war immer Teil der ruandischen Kultur.“

Das einzige Medium, das es landesweit gab, war das Radio und das wurde Jahrzehnte für Propaganda gegen die Tutsi missbraucht. „Da wurden sehr gezielt Klischees verbreitet und die Tutsi als massive Bedrohung dargestellt.“ Verstärkt wurde dieses Bild durch Angriffe der Tutsi-Miliz „Ruanda Patriotic Front“ (RPF), die sich im Ausland aus Exil-Tutsi gebildet hatte und von Norden aus ins Land einfielen.

Bis heute ist unklar, wer am 6. April 1994 das Flugzeug des ruandischen Präsidenten Júvenal Habyarimana abgeschossen hat. „Es ist aber wahrscheinlich, dass es sein eigener Hutu-Clan war, der ihm vorgeworfen hatte, nicht radikal genug zu sein und sich nicht gegen diese Tutsi-Invasion zu wehren.“ Sicher aber ist, das Gemetzel, welches dann folgte und dem etwa 800.000 Tutsi und gemäßigte Hutu zum Opfer fielen, war von langer Hand geplant.

Von Janina Mogendorf

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