Essen, Kleidung und Obdach

  • Neu-Delhi - 04.04.2014

Am Sonntag wählt Indien, die größte Demokratie der Welt, in einem sechswöchigen Marathon ein neues Parlament. Viele Parteien treten mit dicken Wahlprogrammen, lauten Versprechen für alle und Geldkoffern zum Stimmenkauf an. Die große Mehrheit der Bevölkerung interessiert vor allem eines: „Roti, Kapda und Makhaan“ – Essen, Kleidung und Obdach. Viele der 1,3 Milliarden Inder sind bitterarm.

Wer den Armen glaubwürdig Roti, Kapda und Makhaan verspricht, wird gewählt. Das war bislang die von der Gandhi-Familie dominierte Kongresspartei. Diesmal deuten jedoch alle Umfragen darauf hin, dass die Regierungspartei bei der Auszählung am 16. Mai die große Verliererin sein wird.

Allerdings könne man Umfragen in Indien nicht mit Deutschland vergleichen, sagt Lars Peter Schmidt, Vertreter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Neu Delhi. „Da taugen die Regionalwahlen vom Dezember, die der Kongress krachend verloren hat, eher als Stimmungsbild.“

Korruptionsskandale, Versagen in der Wirtschaftspolitik, verkrustete Parteistrukturen und ein Führungspersonal im Alter zwischen 70 und 80 Jahren haben dem Ansehen der Kongresspartei schwer zugesetzt. Jüngere haben kaum eine Chance, in Führungspositionen zu kommen. Dabei ist Indien ein junges Land mit gut 150 Millionen Erstwählern.

2010 war Indien das Schwerpunktland der Initiative „Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen" der Deutschen Bischofskonferenz. Pater Cedric Prakash SJ (2. v. r.) war anlässlich dessen im Oktober 2010 in Deutschland zu Gast. KNA

Religiöse Minderheiten in Sorge

Die Umfragen sehen die Bharatiya Janata Partei (BJP, Indische Volkspartei) und ihren Spitzenkandidaten Narendra Modi vorn. Das allerdings macht Christen, Muslimen und den Dalits Angst, denn die BJP ist eng mit der hindunationalistischen Hindutva-Ideologie verbunden. Diese beschreibt der Jesuit Cedric Prakash, Direktor des Zentrums für Menschenrechte, Gerechtigkeit und Frieden in Gujarat, als „im Kern faschistisch und fundamentalistisch“.

An vielen Gewaltaktionen gegen religiöse Minderheiten in den vergangenen Jahrzehnten waren extremistische Hindus beteiligt. Spitzenkandidat Modi selbst war 2002 als Ministerpräsident von Gujarat politisch für eines der größten Massaker an indischen Muslimen verantwortlich, als mehr als 1.000 Menschen grausam getötet wurden. „Sollte Modi tatsächlich Regierungschef werden – was Gott verhüten möge – wird der Hindu-Nationalismus im Land erstarken“, warnt der Jesuit Prakash.

So düster sieht Schmidt eine mögliche BJP-Regierung nicht. „Im Wahlkampf schlägt Modi moderate Töne an. Sollte er Premierminister werden, wird es darauf ankommen, ob er die extremen Kräfte unter Kontrolle halten kann.“ Die Dalits, der ärmste Teil der Bevölkerung, haben von der BJP nichts zu erwarten. Die mehrheitlich christlichen und muslimischen Dalits sind nicht mit der BJP-Ideologie kompatibel. Um aber stärkste Partei zu werden, ist die BJP auf die Stimmen der Armen angewiesen. „Die BJP umwirbt diese Wählergruppe, aber letztlich ist sie in erster Linie eine Partei der Reichen und der Wirtschaft“, meint Prakash.

„Sollte Modi tatsächlich Regierungschef werden – was Gott verhüten möge – wird der Hindu-Nationalismus im Land erstarken.“

— Cedric Prakash

Modi setzt im Wahlkampf auf seine wirtschaftlichen Erfolge in Gujarat. Das kommt bei der wachsenden Mittelschicht Indiens gut an. Wirtschaftspolitische Kompetenz könnte letztlich auch die Armen für Modi stimmen lassen – in der Hoffnung, dass ein wenig für sie abfällt: Roti, Kapda und Makhaan.

Bischöfe rufen zum Gebet auf

Die katholische Bischofskonferenz Indiens hat zum Wahlbeginn am Sonntag einen Tag des Gebets ausgerufen. „Die Gläubigen sollen intensiv für eine friedliche Wahl und göttlichen Beistand für alle indischen Bürger beten, damit wir die besten Personen wählen, die für moralische Werte und Prinzipien im öffentlichen Leben stehen“, so der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Baselios Cleemis.

Wer auch demnächst Indien regiert: Sowohl die BJP als auch die Kongresspartei werden auf Koalitionspartner aus der Riege der Regionalparteien angewiesen sein. Für eine Überraschung könnte auch die neue Antikorruptionspartei Aam-Aadmi-Partei (AAM) sorgen. Ohnehin glaubt der Jesuit Prakash: „Zwischen heute und dem 16. Mai kann noch sehr viel passieren. In der indischen Politik sind selbst 24 Stunden eine sehr, sehr lange Zeit.“

Von Michael Lenz

© KNA

Arbeitshilfe

Die Arbeitshilfe „Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen in unserer Zeit. Indien“ der Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr 2010 können Sie hier als PDF herunterladen:

www.dbk.de