„Das Schlimmste, was ich je gesehen habe“

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  • Juba - 28.03.2014

Es gibt ein kleines Spiel, das spielen die Blauhelmsoldaten mit den Kindern in Juba. Mitten zwischen Leid und Elend. In das Flüchtlingscamp der Vereinten Nationen (UNO) am Rande der südsudanesischen Hauptstadt haben sich 21.000 Menschen gerettet, nachdem im Dezember ein Bürgerkrieg ausgebrochen war. Nun leben sie unter Planen, in der Furcht draußen vor den Toren des Lagers ermordet zu werden.

UNO-Soldaten sichern den Stützpunkt. Wenn die uniformierten Männer mit den blauen Kappen durchs Lager patrouillieren, stehen die Kinder am Rand des Weges und strecken ihre Hände aus. Die Soldaten müssen dann die Hände abklatschen, so geht das Spiel. Da gibt es viel zu tun für die Truppe: Manchmal stehen zehn Kinder auf einem Fleck und warten auf die Geste. Eine winzige Szene, die den Ernst der Lage durchbricht.

Die Stimmen der Kinder tönen durch das staubige Lager. An manchen Ecken trällert ein Radio. Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) ist bei seinem Besuch die Attraktion im Camp. Schnell hat er das Spiel mit dem Händeklatschen begriffen. Er versucht auch mit den Kindern zu sprechen, setzt sich zu den Leuten unter die Planen und fragt nach den drängendsten Nöten. Es gibt keine festen Häuser, keine Kanalisation, keine Hygiene. In drei Zelten ist eine medizinische Station untergebracht. Für frisches Wasser und Nahrung sorgt die UNO. In kleinen provisorischen Marktständen werden unter primitivsten Bedingungen auch Gemüse, Obst, sogar Fleisch angeboten. Auf kleinen Kochern bereiten die Bewohner vor den Verschlägen ihre Nahrung zu.

Eine Todesfalle

Nach den letzten Regenfällen sind in dem Flüchtlingscamp große Pfützen geblieben, in ihnen sammelt sich der Müll. Es beginnt zu stinken. Neulich ist die Hälfte der Latrinen zusammengebrochen, nachdem es drei Tage geregnet hatte. Wenn in wenigen Wochen die Regenzeit komme, dann werde das ganze Lager in den Fluten versinken, sagt Camp-Leiterin und UN-Sondergesandte Hilde Johnson. „Dann wird das Camp zur Todesfalle.“

Bundesentwicklungsminister Müller während eines Besuches in einem Flüchtlingslager in Juba. KNA

Deswegen will die UNO die Menschen bis dahin in eine neue Unterbringung außerhalb Jubas bringen. Doch viele wollen nicht weg, sie haben Angst und suchen die Nähe zur Stadt. Insgesamt betreibt die UNO acht Lager im Südsudan. Fast eine Million Menschen sind auf der Flucht oder können nicht zurück nach Hause. Viele sind nicht mehr in der Lage, sich selbst zu versorgen, weil sie wegen des Krieges ihre Felder nicht bestellt haben. Eine Hungerkatastrophe droht zusätzlich.

Minister Müller ist das erste Regierungsmitglied eines westlichen Staates, das zu einer offiziellen Reise nach Juba kommt. Im Dezember waren die Auseinandersetzungen rivalisierender Gruppen im Südsudan wieder aufgeflammt. Sie brachten Tod, Not und Elend und trieben Hunderttausende in die Flucht; allein 710.000 leben innerhalb des Südsudan als Vertriebene, Zehntausende weitere suchten in Nachbarländern Schutz.

Treffen mit Staatschef Salva Kiir

Müller sagt nach seinem Gang durch das Camp, es sei das Schrecklichste, was er je gesehen habe. „Hier ist die Hölle von Afrika.“ Nur das Leuchten in den Augen der Kinder habe ihm Hoffnung gemacht. Hilfe für die Menschen sei das Wichtigste, sagt er, angesichts des Leids kämen ihm Debatten über militärische Präsenz völlig falsch vor. „Wir müssen die zivile Hilfe mindestens genauso wichtig nehmen wie militärisches Engagement“, sagt er. Nach dem Besuch in dem Flüchtlingscamp ist Müller zum Präsidentenpalast gefahren. Dem Staatschef Salva Kiir Mayardit hat er von dem Erlebten berichtet. Die jetzige Lage ist das Ergebnis eines internen Konflikts der regierenden Partei. Daraus ist der blutige Kampf der Gruppen der Dinka und der Nuer geworden. Ein hoher internationaler Diplomat sagt: „Das Problem ist, das der Präsident sich für die Menschen gar nicht interessiert.“

Von Volker Resing

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Entwicklungsminister würdigt Rolle der Kirchen

Entwicklungsminister Müller hat während seines Besuchs im Südsudan die friedensstiftende Rolle der Kirchen gewürdigt. Durch die Vermittlungsrolle der Glaubensgemeinschaften gebe es eine Chance, den schwelenden Bürgerkrieg in dem mehrheitlich christlichen Land zu beenden, sagte Müller nach einem Gespräch mit dem anglikanischen Erzbischof von Juba, Daniel Deng Bull Yak, am Mittwochabend in der Hauptstadt des Südsudan. Zugleich verfügten die Kirchen über eine Struktur im Land, um die drohende Hungerkatastrophe zu verhindern.

(KNA)

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