„Wir leben in ständiger Angst“

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  • München - 24.03.2014

Seit mehr als drei Jahren leidet das syrische Volk unter einem Bürgerkrieg , der als Protest gegen die Regierung von Baschar al-Assad begann. Die anfangs friedlichen Demonstrationen eskalierten zu einem bewaffneten Konflikt, der bis heute andauert. Seither wurden nach UN-Angaben mindestens 140.000 Menschen getötet, Millionen von Menschen sind auf der Flucht. Seit knapp eineinhalb Jahren ist Jean-Abdo Arbach melkitisch griechisch-katholischer Erzbischof von Homs. Der 61-Jährige berichtet bei seinem Besuch beim Internationalen Katholischen Missionswerk Missio in München vom Leben der Christen in Syrien, einem Leben in ständiger Angst.

Die Furcht vor Anschlägen, vor Autobomben und Attentaten ist allgegenwärtig. „Die Realität ist, dass wir mit der ständigen Angst leben, dass in der Straße, in der wir gehen, in dem Viertel, in dem wir einkaufen, oder in der Kirche, in der wir beten, eine Bombe hochgeht“, erzählt Arbach. „Die Angst ist unser dauernder Begleiter, nirgends kann man sich sicher fühlen. Aber Realität ist auch, dass wir uns längst daran gewöhnt haben.“

Erzbischof Jean-Abdo Arbach berichtet, dass in Homs im Augenblick zwar nicht mehr gekämpft werde, dass aber große Teile der Stadt zerstört seien, Schutt und Asche überall. Es herrsche bittere Armut, die Lebensmittel seien knapp und sehr teuer, die Schulen geschlossen. Derzeit befinden sich seinen Angaben zufolge die meisten Stadtviertel und ein Großteil des Umlandes in der Hand der Regierung. Allerdings seien die vier Kathedralen von Homs in einem Viertel, das von Rebellen besetzt sei. „Sich unserer Kathedrale Saydat Assalam zu nähern ist im Moment ausgeschlossen, viel zu gefährlich und schlicht unmöglich.“ Die Christen von Homs kämen derzeit daher zu Gottesdiensten in Kirchen der Viertel zusammen, die in Regierungshand seien. „Aber vor Anschlägen und Bomben sind wir auch dort nicht sicher“, betont der Bischof.

„Muslime und Christen leben freundschaftlich zusammen. Wir wollen alle nur das eine – und das ist Frieden.“

— Jean-Abdo Arbach, melkitisch griechisch-katholischer Erzbischof von Homs

Nach Angaben von Arbach leben derzeit noch rund 20.000 melkitische Katholiken in der Diözese Homs. Das Verhältnis zu muslimischen Nachbarn und Freunden sei nach wie vor gut. „Muslime und Christen leben freundschaftlich zusammen. Wir wollen alle nur das eine – und das ist Frieden.“

„Die Angst ist unser dauernder Begleiter“, berichtet Jean-Abdo Arbach. Missio

Hoffnung auf Frieden

Dass es einen baldigen Frieden geben wird, hofft der Erzbischof zwar sehr, allzu optimistisch ist er aber nicht. Schon zu Beginn der Proteste und Demonstrationen fühlte er sich an den Bürgerkrieg im Libanon erinnert. Ein baldiges internationales Abkommen hält er für unwahrscheinlich.

Bevor Erzbischof Arbach Ende 2012 noch von Papst Benedikt XVI. als Oberhirte nach Homs berufen wurde, diente er seit 1996 17 Jahre lang als Pfarrer und später als Apostolischer Exarch in Argentinien. Zuvor lebte er seit 1965 im Libanon. Geboren wurde Jean-Abdo Arbach 1952 in der historischen syrischen Kleinstadt Yabroud, wo heute noch ein Großteil seiner Familie lebt.

Anfang März reiste Arbach nach Rom, um dort Papst Franziskus aus erster Hand von der Lage in Syrien und der Situation der Christen zu informieren. Anschließend stattete er unter anderem Missio in München einen Besuch ab. Um nach Europa zu gelangen, reiste der Erzbischof von Homs mit dem Auto über Damaskus nach Beirut, musste auf dem Weg unzählige Straßenkontrollen – sowohl von Regierungstruppen als auch von Rebellen – passieren. Erst in Beirut konnte er mit dem Flugzeug weiterreisen.

Rund zehn Prozent der etwa 22 Millionen Einwohner Syriens sind Christen. Homs ist nach Aleppo und Damaskus die drittgrößte Stadt in Syrien. Zu Beginn des Bürgerkrieges war die Stadt eine Hochburg des Protests gegen das Regime von Präsident Assad.

Die melkitisch griechisch-katholische Kirche ist im Nahen Osten beheimatet und mit der römisch-katholischen Kirche vereint. In Syrien ist sie eine der größten christlichen Gemeinschaften.

Von Antje Pöhner, Missio München

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