„Er hat die Herzen der Menschen erobert“

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  • Bamberg/Bonn - 19.03.2014

Schon bei seiner Amtseinführung vor einem Jahr gab Papst Franziskus den Kurs seines Pontifikates vor: Bescheidenheit und Volksnähe statt Reichtum und Macht. Auch der Bamberger Erzbischof begrüßte die Wahl des charismatischen Argentiniers zum neuen Oberhaupt der katholischen Kirche. Im Interview mit dem Internetportal Weltkirche zieht der Vorsitzende der Bischöflichen Kommission Weltkirche eine Jahresbilanz des neuen Pontifikates.

Frage: Herr Erzbischof, Papst Franziskus leitet nun seit einem Jahr die Weltkirche. Welche Zwischenbilanz ziehen Sie bislang?

Schick: Eine sehr positive! Papst Franziskus hat in diesem ersten Jahr mit seiner Menschenfreundlichkeit, seiner Einfachheit im Lebensstil, im Auftreten und in der Liturgie sowie mit seinen Predigten, seinen Apostolischen Schreiben und Interviews die Herzen der Menschen erobert. Er ist der Sympathie- und Hoffnungsträger der katholischen Kirche.

Frage: Wie hat sich die Weltkirche durch den Rücktritt von Papst Benedikt XVI. und durch das neue Pontifikat unter Franziskus verändert?

Schick: Papst Franziskus hat von Anfang besonders hervorgehoben, dass er sich zuerst als Bischof von Rom sieht. Als solcher ist er Papst, das heißt Lehrer und Hirte für die Gesamtkirche. Dadurch macht er zweierlei deutlich:

1. Der Papst ist, wie alle anderen Diözesanbischöfe auch, Bischof einer Diözese. Er will sich um seine Diözese Rom kümmern und darin allen anderen Bischöfen ein Vorbild sein. Rom hat den „Vorsitz in der Liebe“, schrieb ein Kirchenvater und soll in der Gottes- und Nächstenliebe Vorbild sein.

2. Als Bischof von Rom ist er selbstverständlich oberster Hirte der Gesamtkirche. Das ist er als Inspirator und Moderator mit allen päpstlichen Vollmachten für die einzelnen Ortskirchen und die Universalkirche. Er will die Ortskirchen in ihrer Eigenständigkeit und Eigenverantwortung stärken, sie sollen sich entfalten und in ihrem kulturellen Umfeld Kirche Jesu Christi bilden zur Ehre Gottes und zum Heil der Menschen. Als solche sind sie in die Gesamtkirche eingegliedert, die gemäß Lumen gentium „in und aus den einzelnen Ortskirchen besteht“. Als Bischof von Rom und als Inspirator und Moderator in der Nachfolge Petri für die Weltkirche versteht Papst Franziskus seinen päpstlichen Dienst an den Ortskirchen und an der Einheit der Gesamtkirche. So als Papst zu wirken, ist der Größe der katholischen Kirche (1,3 Milliarden Katholiken) angemessen und stärkt die Weltkirche.

Messe zur Amtseinführung von Papst Franziskus am 19. März 2013. KNA

Auch in der Leitung der Weltkirche macht Papst Franziskus diese seine Einstellung deutlich: Acht Kardinäle aus allen Kontinenten beraten ihn, beim letzten Konsistorium erfolgten die Kardinalsernennungen entsprechend der Größe der Ortskirche. Europa und Nordamerika sind deshalb verständlicherweise weniger bedacht worden.

Frage: Welche Rolle spielte dabei die Tatsache, dass mit Franziskus erstmals ein Argentinier an der Spitze der katholischen Kirche steht?

Schick: Papst Franziskus kommt aus Argentinien. Zum ersten Mal ist seit dem Altertum ein Nicht-Europäer Papst. Damit ist die Weltkirche viel mehr in den Blick gekommen, zuerst Lateinamerika, aber auch Afrika und Asien. Es ist nun auch auf dem Stuhl Petri deutlich: Die Kirche ist eine Weltkirche und nicht eine europäische Kirche.

Frage: Kurz nach der Ernennung von Papst Franziskus äußerten Sie im Interview mit katholisch.de den Wunsch, dass er die Weltkirche noch deutlicher als eine weltweite solidarische Gemeinschaft gestaltet. Ist ihr Wunsch in Erfüllung gegangen?

Schick: Ich sehe meinen Wunsch erfüllt und ich bin überzeugt, der Papst wird weiter an der Solidarität der Weltkirche arbeiten. Solidarität bereichert alle. Das sollten wir in Deutschland und Europa noch deutlicher sehen: Solidarität ist keine Einbahnstraße, die Weitung der Kirche bereichert alle. Die Weltkirche gibt ‚der alten Kirche Europas‘ frischen Wind in der Spiritualität und durch Personal, Priester und Ordensfrauen und macht unseren Horizont weiter. Die weltkirchliche Solidarität lässt die Gaben, die jede einzelne Ortskirche in den verschiedenen Kontinenten hat, für alle fruchtbar werden. Was wir Europäer an materiellen Gütern einbringen, bekommen wir an geistlichen und personellen zurück. Selbstverständlich muss Solidarität und Partnerschaft gepflegt und gestaltet werden.

Frage: In seinem ersten Lehrschreiben „Evangelii Gaudium“ fordert Franziskus eine arme Kirche für die Armen . Hilfswerke wie Misereor , Renovabis oder Adveniat sind in ihrer Partnerschaftsarbeit jedoch auf finanzielle Mittel angewiesen. Wie gehen die Hilfswerke mit der Forderung des Papstes um?

Schick: Unsere Hilfswerke sind ganz auf der Linie von Papst Franziskus. Er fordert ja nicht mit dem Slogan, „Eine arme Kirche für die Armen“, dass alle ‚verelenden‘, sondern dass alle gleich reich werden. Er fordert Ausgleich, Solidarität und Partnerschaft der Reichen mit den Armen. Das bedeutet, dass die westliche Welt Güter, Macht und Privilegien abgibt, damit Afrika und Asien reicher werden. Misereor , Renovabis , Adveniat und das Kindermissionswerk helfen mit, dass dieser Ausgleich gelingt. Papst Franziskus hat unsere Werke ja auch schon ausdrücklich gelobt.

Frage: Wie wird Papst Franziskus die Weltkirche in den kommenden Jahren verändern? Was werden seine Schwerpunkte sein?

Schick: Der Papst hat – auch in Nachfolge von Papst Benedikt XVI. – die Evangelisierung an oberste Stelle gesetzt und hat vor allem mit seiner Enzyklika Evangelii gaudium Maßstäbe gesetzt. Das Evangelium soll in seiner ganzen Fülle verkündet werden und die Welt durchdringen. Das Heil der Menschen durch Jesus Christus soll überall ankommen, dem Reich Gottes der Gerechtigkeit, des Friedens und der Freude sollen die Wege bereitet werden. Evangelisierung bedeutet für Papst Franziskus: die Herzen der Menschen mit der Liebe und Zärtlichkeit Gottes zu erfüllen und die Strukturen der Gesellschaft mit den Werten und Tugenden der Frohbotschaft zur Zivilisation der Liebe umzugestalten.

Das Interview führte Lena Kretschmann.

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