Im Dienst der Armen

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  • Nürnberg - 13.03.2014

Seit seiner Wahl zum neuen Papst vor einem Jahr wird Franziskus nicht müde zu betonen, dass er sich eine Kirche an der Seite der Armen wünscht. Ein Vorbild ist für ihn dabei der salvadorianische Erzbischof Oscar Romero, namhafter Vertreter der Befreiungstheologie und wohl bekanntester Märtyrer des lateinamerikanischen Kontinents. Im Interview mit dem Internetportal Weltkirche spricht der Jesuit Jon Sobrino, enger Berater und Freund Oscar Romeros, über das Zeugnis des Erzbischofs und dessen Aktualität für die Kirche heute.

Frage: Pater Sobrino, wie muss eine Kirche der Armen heute aussehen?

Sobrino: Die Kirche der Armen ist für mich eine Kirche, die sich in den Dienst des Reiches Gottes stellt. Die ersten Adressaten des Reiches Gottes sind den Seligpreisungen entsprechend die Armen. Arm sind für mich diejenigen, die das Lebensnotwendige nicht voraussetzen können. Das sind auf unserem Planeten eine Milliarde Menschen. Kirche der Armen bedeutet für mich daher, sich für die Menschenrechte und die Menschenwürde derer einzusetzen, denen sie verweigert werden.

Frage: 870 Millionen hungernde Menschen , Flüchtlinge , die an den Grenzen der Industrieländer abgewiesen werden, Spekulationen mit Nahrungsmitteln, Landgrabbing – Was würde Erzbischof Oscar Romero zum Zustand unserer heutigen Welt sagen?

Sobrino: Erzbischof Romero sagte vor 35 Jahren, dass es für ihn nichts Wichtigeres gibt, als das menschenwürdige Leben der Armen. Diese Überzeugung war für ihn darin begründet, dass er in den Armen Gott und Jesus Christus begegnet ist. Jesus macht sich ja in der großen Gerichtsrede im Matthäusevangelium eins mit den Armen und Leidenden. Er identifiziert sich mit ihnen. Sie sind seine Stellvertreter. Das gilt heute wie vor 35 und vor 2.000 Jahren.

Frage: Ist angesichts der aktuellen Krisen in der Welt die Forderung nach einer Kirche der Armen, wie sie sich Erzbischof Romero wünschte, nicht drängender denn je?

Grab Oscar Romeros in der Krypta der Kathedrale von San Salvador. Steffen/Adveniat

Sobrino: Diese Forderung ist drängend und aktuell. So verstehe ich auch die Aussage von Papst Franziskus , dass er „eine arme Kirche für die Armen“ wünscht. Bischof Pedro Casaldáliga aus Brasilien hat es so ausgedrückt: „Es gibt nur zwei Dinge, die absolut sind: Gott und der Hunger.“ Es gäbe die Möglichkeit, die Geißel des Hungers zu überwinden, doch es fehlt der politische Wille dazu. Deshalb sagt Jean Ziegler, der frühere Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung, dass jedes Kind, das auf dieser Erde an Hunger stirbt, ermordet wird.

Frage: Wenn Sie sich eine reiche Kirche wie die deutsche anschauen – kann man hier noch von der Option für die Armen sprechen?

Sobrino: Ich möchte nicht über die deutsche Kirche urteilen. Doch ich weiß, dass gerade die deutsche Kirche über Hilfswerke, wie Adveniat und Misereor , sehr solidarisch mit den Armen dieser Welt ist. Ich freue mich auch, wenn junge Theologiestudierende aus Deutschland zu uns nach El Salvador an unsere Universität kommen und Erfahrungen mit armen Gemeinden machen. Oft fühlen sie sich reich beschenkt. Solidarität ist für mich ein wechselseitiges Geben und Empfangen.

Frage: Kurz nach der Ernennung von Jorge Mario Bergoglio zum neuen Papst sagten Sie, seine einfache Kleidung und seine bescheidenen Gesten seien „kleine, aber deutliche Zeichen.“ Franziskus ist nun seit einem Jahr Oberhaupt der katholischen Kirche. Sind in dieser Zeit große Zeichen daraus geworden?

Sobrino: Die kleinen, aber deutlichen Zeichen haben sich vor allem mit einer neuen Atmosphäre, einer neuen Stimmung in der Kirche verbunden. Man kann heute freier denken und reden als früher. Doch mir ist wichtig, dass wir dem Papst nicht nur in der Haltung von Zuschauern begegnen, die applaudieren oder pfeifen. Sehr viel wichtiger ist, dass wir seinem Beispiel praktisch folgen und uns für Flüchtlinge einsetzen, für gerechtere Strukturen im Welthandel und so weiter.

Frage: Wie hat der Papst aus Argentinien das Gesicht der Weltkirche verändert?

Sobrino: Er hat durch seine Person, seine Zeichen und seine Verlautbarungen das Thema der Barmherzigkeit und des Mitleids von Gott her sehr viel stärker betont. Als Lateinamerikaner hat er einen weniger eurozentrischen Blickwinkel. Ich habe insgesamt den Eindruck, dass er die Kirche wieder auf die wesentlichen Themen des Evangeliums lenkt: Gottes bedingungslose Liebe für diese Welt, die Barmherzigkeit Jesu gegenüber den Armen und den Kleinen, sein Kampf gegen die todbringenden Götzen der Macht und des Geldes und seine Bereitschaft, sein Leben hinzugeben.

Das Interview führte Lena Kretschmann.

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