Wirtschaft zählt mehr als Lebensschutz

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  • Sankt Augustin - 11.03.2014

Nach dem schwersten Erdbeben in der Geschichte Japans überflutete am 11. März 2011 ein Tsunami weite Teile der Nordostküste. Im Atomkraftwerk Fukushima kam es zur Kernschmelze, radioaktive Stoffe wurden in großen Mengen frei. Zum dritten Jahrestag der Katastrophe spricht der Steyler Bischof Isao Kikuchi über die fortwährende Hilfe der Kirche für die Tsunamiopfer – und kritisiert die Zurückhaltung Japans beim Atomausstieg.

Frage: Bischof Kikuchi, Sie waren vor Kurzem im Nordosten Japans unterwegs. Wie ist die Situation dort drei Jahre nach dem Tsunami?

Kikuchi: Der Wiederaufbau in der Katastrophenregion kommt nur schleppend voran. Die Region, die der Tsunami am heftigsten getroffen hat, war schon vor der Katastrophe relativ gering besiedelt. Viele der Tsunami-Opfer leben immer noch in provisorischen Unterkünften oder sind bereits in andere Regionen des Landes abgewandert. Es wird sehr schwer werden, die Gemeinden im Nordosten wieder aufzubauen. In der Gegend um Fukushima weiß niemand, wie lange es dauern wird, bis die Bevölkerung wieder in ihre Dörfer zurückkehren kann – und erst recht nicht, mit welchen gesundheitlichen Risiken diese Rückkehr verbunden sein wird.

Frage: Sieht es in Ihrer Diözese - der Diözese Niigata - ähnlich aus?

Kikuchi: Über die Langzeiteffekte der Katastrophe in meiner näheren Umgebung kann ich nicht viel sagen, weil die Auswirkungen der radioaktiven Strahlungen nicht so leicht zu erkennen sind. Unsere Diözese Niigata liegt zwar unweit der Diözese Sendai, die am 11. März 2011 am schlimmsten in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Aber ich muss sagen: Hier in Niigata haben uns die Erdbeben in den Jahren 2004 und 2007 schlimmer getroffen. Die geografische Nähe zum Atomkraftwerk in Fukushima, das nur gut 150 Kilometer entfernt liegt, erfüllt uns dennoch nach wie vor mit großer Sorge. Dazu kommt noch, dass in unserer Diözese in Kashiwazaki Kariwa ein weiteres Atomkraftwerk steht, das mit seinen sieben Reaktoren für die Versorgung des Großraums Tokio verantwortlich ist. Die Mehrheit der Menschen in Niigata, inklusive des Gouverneurs, sind dagegen, diese sieben Reaktoren wieder hochzufahren.

Frage: Was tut die Kirche, um den Tsunami-Opfern zu helfen?

Bischof Isao Kikuchi SVD leitet die Diözese Niigata. Diese liegt nur gut 150 Kilometer von Fukushima entfernt. Isao Kikuchi SVD

Kikuchi: Die japanische Bischofskonferenz hat 2011 die gesamte katholische Gemeinschaft in Japan mobilisiert, um in der Katastrophenregion zu helfen. Am 16. März 2011 hat in Sendai ein Hilfszentrum der Diözese eröffnet, das seither Rehabilitationsprogramme für die Katastrophenopfer organisiert. Aktuell koordiniert es die Arbeit von acht kleineren Zentren in der Küstenregion. Diözesen aus ganz Japan und viele Männer- und Frauenorden senden regelmäßig Freiwillige in diese Zentren, die von der japanischen Caritas finanziert werden.

Frage: Was machen diese Freiwilligen konkret?

Kikuchi: Am Anfang haben die Freiwilligen bei den Aufräumarbeiten nach dem Tsunami geholfen. Inzwischen hat sich der Fokus ihrer Arbeit auf die psychologische Betreuung der Katastrophenopfer verlagert, von denen es einer Regierungsstatistik zufolge aktuell noch 270.000 gibt. Viele von ihnen wohnen wie gesagt in provisorischen Unterkünften, die ihnen die Regierung zur Verfügung gestellt hat. Katholische Freiwillige leiten in vielen dieser Häuser eine Art Café, in dem die Menschen zusammenkommen und ihre Geschichten austauschen können und in dem auch Raum für kreative Angebote ist. Viele der Menschen, die sich dort regelmäßig versammeln, sind alte Leute, die in der Katastrophe alles verloren haben.

Frage: Kann die Caritas bei ihren Hilfsmaßnahmen auf Unterstützung aus der Bevölkerung bauen?

Kikuchi: Man muss leider sagen: In vielen Regionen Japans hat man die Katastrophe von 2011 schon wieder vergessen. Deshalb versucht die katholische Kirche, die Erinnerung an den Tsunami wachzuhalten, indem sie in vielen Teilen Japans Vorträge von Freiwilligen organisiert, die in der Katastrophenregion geholfen haben. Wir brauchen dringend neue Freiwillige, um unsere Arbeit fortsetzen zu können. Am 10. März kamen auch wieder die meisten der katholischen Bischöfe in Japan zusammen, um in der Kathedrale von Sendai in einem Gottesdienst den dritten Jahrestag der Katastrophe zu begehen.

Frage: Wie ist derzeit die Haltung der Japaner zur Atomenergie?

Kikuchi: Kurz nach der Katastrophe sprachen sich die meisten Japaner gegen Atomenergie aus. Dann folgte die große Angst vor Energieknappheit und steigenden Preisen. Als die Regierung versuchte, die ersten Meiler wieder hochzufahren, hatte sich die öffentliche Meinung deshalb bereits verändert. Es stellte sich heraus, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung nicht bereit ist, seinen Lebensstil zu vereinfachen und auf Komfort zu verzichten.

Respekt muss man dem Weg zollen, den der frühere Premierminister Japans, Jun''ichiro Koizumi, gegangen ist. Während seiner Zeit als Premierminister war er ein großer Verfechter der Atomkraft, doch nach Fukushima hat sich seine Haltung komplett ins Gegenteil verkehrt. Nun befürwortet er es, alle Atomkraftwerke in Japan herunterzufahren. Weil sein politischer Einfluss noch immer groß ist, bleibt zu hoffen, dass seine Worte nicht ungehört bleiben.

Frage: Kurz nach dem Tsunami hat die japanische Regierung einen Atomausstieg bis 2040 verkündet. Nach Einwirkung der Wirtschaftslobby hat sie diese Pläne teilweise wieder eingeschränkt ...

Kikuchi: Es scheint, dass für die gegenwärtige japanische Regierung wirtschaftliche Interessen über dem Schutz menschlichen Lebens stehen. Ich bezweifle also, dass es die Regierung mit ihren Plänen ernst meint, bis 2040 aus der Atomenergie auszusteigen. Und das, obwohl immer noch unklar ist, was genau zurzeit in den beschädigten Atomreaktoren geschieht. Für Menschen ist es unmöglich, sie zu betreten, und weder die Regierung noch der Werksbetreiber verfügen über die Technologie, die Lage genauer zu inspizieren. Die Katastrophe sollte uns lehren, bescheidener zu sein, unsere menschlichen Grenzen zu erkennen und nach einem Leben im Einklang mit der Schöpfung zu streben.

Das Interview führte Markus Frädrich.

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