„Europa und die USA könnten mehr tun“

  • Bogotá - 07.03.2014

Der kolumbianische Kardinal Rubén Salazar Gómez (72) ist Vizepräsident des Lateinamerikanischen Bischofsrates CELAM. Im Interview fordert er ein stärkeres Engagement Europas und der USA bei der Bekämpfung von Drogenkriminalität. Zuversichtlich zeigt sich der Erzbischof von Bogotá und Vorsitzende der Kolumbianischen Bischofskonferenz, dass die Friedensgespräche zwischen Regierung und FARC-Guerilla zu einem positiven Ende des jahrzehntelangen Konflikts führen könnten.

Frage: Herr Kardinal, seit über einem Jahr verhandeln die kolumbianische Regierung und die FARC über ein Ende des bewaffneten Konflikts. Wie bewerten Sie die Chancen?

Salazar: Diese Gespräche werden mit großer Seriosität geführt. Es gibt von beiden Seiten einen ehrlichen und ernsthaften Willen zum Frieden. Und das ist zweifellos die wichtigste Voraussetzung dafür, dass wir trotz aller Unterschiede, Probleme und der Wunden eines sehr langen Krieges zu einem Ende dieses Konflikts kommen können. Zu einem Frieden, der nicht nur bedeutet, dass die Waffen schweigen, sondern auch, dass es soziale Gerechtigkeit, weniger Ungleichheit, Chancen für alle Bevölkerungsschichten, das Verschwinden der Armut gibt.

Frage: Welche Rolle könnte die Kirche in einem Post-Konflikt-Szenario spielen?

Salazar: Als Kirche leben wir ja schon einige Zeit in diesem Post-Konflikt-Szenario. Wir arbeiten mit Gemeinden und Regionen zusammen, in denen früher der bewaffnete Konflikt sein sehr hässliches Gesicht gezeigt hat. Deswegen haben wir schon Erfahrungen damit gemacht, uns um die Opfer zu kümmern, Versöhnungsprozesse zu forcieren. Wir engagieren uns seit langem dafür, ehemalige Gegner und verfeindete Gruppen zu versöhnen.

Frage: In Lateinamerika gibt es eine Debatte, dass die Entkriminalisierung des Drogenhandels das Problem vielleicht am besten beseitigen könnte. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Salazar: Das ist kein einfaches Thema, denn es behandelt eine sehr komplexe Ausgangslage. Es berührt ethische, moralische, wirtschaftliche und politische Aspekte. Es ist ein internationales Problem, und deshalb muss es auf internationaler Ebene gelöst werden.

Wir müssen uns dieser Problematik in all ihren Facetten annehmen. Das heißt, wir dürfen nicht nur über die strafrechtliche Seite sprechen, sondern müssen auch die Seite des Konsums betrachten und den Opfern helfen. Wir müssen unserer Gesellschaft so stark machen, dass es nicht notwendig ist, Drogen zu nehmen, um glücklich zu sein. Das bedeutet auch, dass diese Gesellschaft humaner und gerechter werden muss. Dann werden wir in Frieden zusammenleben können.

Frage: Was könnten Europa und die USA dafür tun?

Salazar: Sie sind die größten Konsummärkte für Drogen. Diese Regionen könnten dank ihrer wissenschaftlichen Stärke sehr viel mehr in die Analyse der Realitäten investieren. Auf Basis solcher tiefergreifenden Untersuchungen der Ursachen könnten dann Lösungsvorschläge erarbeitet werden. Es müssen Auswege her – im Moment erscheint die Situation aussichtslos.

Frage: Seit einem Jahr führt erstmals ein Lateinamerikaner die katholische Kirche. Wie lautet ihre Bilanz des ersten Amtsjahres von Papst Franziskus?

Salazar: Er hat einen neuen Stil in die katholische Kirche gebracht, sich den Gläubigen und den heutigen Problemen anzunähern. In der Lehre ist dem Papst sehr bewusst, dass er ein Sohn der Kirche ist. Er hat auch den Fokus darauf gelegt, dass in dieser Welt, die so viele Opfer hervorbringt, genau diesen Opfern Anteilnahme, Barmherzigkeit und Respekt entgegengebracht wird. Er verwendet eine sehr einfache, verständliche Sprache, die voller Symbolik ist.

Von Tobias Käufer

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