Gräben zwischen den Herzen

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  • Homs - 06.03.2014

Sedal, etwa sieben Kilometer östlich von Homs. Die schmale Landstraße zu dem Ort führt durch blühende Mandelhaine, dazwischen liegen Felder mit Weinstöcken in langen Reihen. Frühlingshaft ist das Wetter, die Soldaten an den Kontrollpunkten haben Stühle und kleine Tische aufgestellt, auf denen Teegläser um einen Kessel stehen. Ein Transporter, unter das Dach mit Eierpaletten beladen, fährt rechts ran, um durchsucht zu werden.

Soldaten und Fahrer begrüßen sich wie alte Bekannte, zwei Paletten mit je 30 Eiern wechseln vom Fahrzeug zu den Soldaten. Der Transporter setzt seine Fahrt fort. Nötig hätten die Soldaten das nicht, murmelt der Fahrer des Wagens, der hinter dem Transporter auf die Kontrolle wartet. Anders als früher erhielten sie guten Lohn. Es sei eine alte, schlechte Angewohnheit, solche „Geschenke“ zu nehmen. Doch der Krieg bringe das Schlechte wieder hervor.

Sedal wird mehrheitlich von Christen bewohnt. Seit die Altstadt von Homs vor knapp zwei Jahren von bewaffneten Gruppen eingenommen wurde, seien viele christliche Familien in die Umgebung geflohen, berichtet Pater Michel Naaman an diesem Morgen in der Erlösungskirche in Sedal. Promoviert hat der Geistliche in Philosophie; das Fach unterrichtet er auch an der Universität Homs. Pater Michel leitet die syrisch-katholische Heilig-Geist-Kathedrale in Hamidiye, einem Teil der Altstadt – die die Gemeinde aber schon Ende Mai 2012 verlassen musste.

Geplündert und zerstört

„Überall wurde geschossen, wir konnten unsere tägliche Arbeit einfach nicht mehr machen“, erinnert er sich. Wie alle Kirchen der Altstadt sei auch die Kathedrale geplündert und zerstört. Nur der Jesuitenpater Francis sei in der Altstadt geblieben, um den Menschen Beistand zu leisten, die dort ausharren. „Es sind alte Menschen, die ihre Wohnungen nicht verlassen wollen“, erklärt Pater Michel.

Pater Michel Naaman leitet die syrisch-katholische Heilig-Geist-Kathedrale in Hamidiye in der Altstadt von Homs. KNA

Er bereitet sich auf eine Beerdigung vor. Ein 84-jähriger Mann, der vor wenigen Tagen mit der vorerst letzten Gruppe aus dem Altstadtviertel Diwan al Bustan evakuiert werden konnte, verstarb am Vortag im Haus seiner Tochter. Journalisten wolle man bei der Beerdigung nicht sehen, entschuldigt sich Pater Michel und bittet um Verständnis. Der Pater gehört einer Versöhnungskommission an, die alle Seiten überzeugen will, die Waffen schweigen zu lassen. Syrien sei ein Mosaik aus Familienverbänden, Volksgruppen und Religionen. „Schiiten, Sunniten, Alawiten, Drusen, Ismaeliten und die Christen natürlich. Wir haben immer gut zusammengelebt.“

Ein langer Weg zur Versöhnung

Natürlich habe es ab und zu Probleme gegeben; aber die konnten gelöst werden. Jetzt werde ein Keil zwischen die Menschen getrieben: „Sunniten hier, Alawiten da, die Christen dazwischen“, das sei eine sehr gefährliche Entwicklung. Um die Gesellschaft wieder aufzubauen, sei Versöhnung eine Voraussetzung, fährt er fort. „Unsere Häuser können wir wieder aufbauen. Aber wer stellt unsere Erinnerung wieder her, wer heilt unsere Herzen?“

Pater Michel blättert durch die Fotodatei auf seinem Handy, bis er ein Bild mit drei Männern im Gespräch findet. Links Pater Francis mit einer roten Mütze, rechts Abu Kharis, der Anführer einer von mindestens sechs bewaffneten Gruppen in der Altstadt. Zwischen den beiden Männern steht der UN-Botschafter in Syrien, Jacob Hillu. Er hat die Waffenruhe zur Evakuierung von Zivilisten Anfang Februar vermittelt.

Mit dem Kämpfer Abu Kharis stehe er in SMS-Kontakt, erzählt Pater Michel und liest die letzte Botschaft des Kämpfers vor, in der dieser seinen „Vater Michel“ grüßt. Er habe ihm geantwortet – und hoffe, durch einen Dialog mit den Kämpfern auch die letzten Zivilisten aus der Altstadt von Homs evakuieren zu können.

Einfach sei das nicht, fügt er dann nachdenklich hinzu: „Das Problem ist, dass diese Gruppen alle paar Wochen ihre Anführer wechseln.“ Die Menschen wieder mit sich, dem Glauben und der Gesellschaft zu versöhnen, werde schwierig, sagt der Pater und blinzelt in die Morgensonne, die den Raum durchflutet. „Ich habe Hoffnung. Wenn es uns nicht gelingt, wird es Syrien nicht mehr geben“.

Von Karin Leukefeld

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