Venezuela: Kirche als Vermittler?

  • Caracas/Vatikanstadt - 25.02.2014

Wenige Tage nach dem Aufruf der oppositionellen Studentenbewegungen in Venezuela hat auch Oppositionsführer Henrique Capriles die katholische Kirche als Vermittler zur Lösung der politischen Krise ins Gespräch gebracht. Die Kirche könne als Schiedsrichter agieren, die das südamerikanische Land im Ganzen repräsentiere, sagte Capriles am Montag (Ortszeit).

Capriles forderte als Bedingungen für die Aufnahme von Gesprächen mit Präsident Nicolas Maduro die Beendigung der Kriminalisierung der Proteste, die Freilassung der politischen Gefangenen, insbesondere von Oppositionspolitiker Leopoldo Lopez, der seit vergangener Woche wegen Anstachelung zur Gewalt im Militärgefängnis einsitzt, und einen Zugang zu den staatlichen Medien.

Am Montag blieb der Regierungschef von Miranda einer von Maduro einberufenen Konferenz aller Gouverneure fern. „Das einzige was er wollte, war ein Foto mit einem Handschlag“, kritisierte Capriles, der das Treffen eine Showveranstaltung nannte. Solange die Regierung auf die Proteste mit Repression reagiere, werde er keiner Gesprächseinladung folgen.

In Venezuela gibt es seit Tagen Massendemonstrationen gegen Lebensmittelknappheit, Inflation und Zensur. Bei den Unruhen kamen bislang 13 Menschen ums Leben. Fast 300 Menschen wurden verhaftet. Die Regierung wirft der Opposition vor, durch die Proteste einen Regierungsumsturz provozieren zu wollen.

Adveniat: „Man ist mit Maduro absolut unzufrieden!“

Das katholische Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat bestätigte das rigorose Vorgehen der Staatsmacht gegen die Bevölkerung. „Die Regierung reagiert auf die Forderungen der Demonstranten sehr stark mit Repression, mit Gewalt, Tränengas und Schlagstöcken“, berichtete Reiner Wilhelm, Venezuela-Experte bei Adveniat, am Montag gegenüber Radio Vatikan.

Nicolás Maduro, Präsident von Venezuela Agência Brasil/Creative Commons

Die Sozialprogramme des vor knapp einem Jahr verstorbenen Präsidenten Hugo Chavez seien unter Maduro fast völlig zum Erliegen gekommen. Zudem herrsche im Land absolute Mangelwirtschaft. „Die Regale sind leer, die Menschen müssen also stundenlang anstehen, um Grundnahrungsmittel zu bekommen“, so Wilhelm. Die Leute hätten es „mittlerweile einfach satt“.

Nach Aussage des Adveniat-Experten seien im letzten Jahr in Venezuela fast 25.000 Menschen ermordet worden. „Die Kriminalitätsrate ist immens gestiegen“. Auch dies sei Mitauslöser für die anhaltenden Massenproteste. „Man ist mit Maduro absolut unzufrieden!“, erklärte Wilhelm. Die starken Repressionen gegenüber dem eigenen Volk zeigten, dass der amtierende Präsident „eigentlich nicht mehr Herr der Lage ist“.

Anders als vom Regime behauptet habe sich die Opposition in Venezuela in letzter Zeit nicht unbedingt radikalisiert, urteilte der Experte. Allerdings verfüge sie jetzt mit Leopoldo Lopez über einen mitreißenden Anführer, der sich in den Medien sehr geschickt inszeniere.

Kirche soll Polarisierung aufbrechen

So wie die Anführer der Schülerproteste und Oppositionsführer Capriles setzt auch Wilhelm viel Hoffnung in die Vermittlerrolle der katholischen Kirche. „Was die Kirche inzwischen tut, ist, zum Frieden und zum Dialog aufzurufen – und das ist wirklich auch die einzige Institution, der es möglich ist, diese Polarisierung aufzubrechen, die Menschen an einen Tisch zu bringen“, so der Adveniat-Referent.

Die Venezolanische Bischofskonferenz hatte am Wochenende ihr grundsätzliches Einverständnis mitgeteilt, an einem konstruktiven Dialog teilzunehmen. Präsident Maduro hat für Mittwoch zu einer Friedenskonferenz eingeladen. Die Opposition hat am gleichen Tag zu einem Protestmarsch der Frauen aufgerufen. (lek mit KNA/Radio Vatikan)

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