„Ukraine braucht sozialen Wiederaufbau“

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  • Bonn/Vatikanstadt - 24.02.2014

Nach dem politischen Umsturz in der Ukraine brauche das osteuropäische Land nun einen sozialen Wiederaufbau. Das forderte der Direktor von Caritas Ukraine, Andrij Waskowicz, im Gespräch mit Radio Vatikan am Sonntag. Er sprach sich ebenso für eine langfristige Hilfe für Verwundete und Angehörige getöteter Demonstranten aus.

Oppositionsführerin Julia Timoschenko war am Samstagnachmittag nach zweieinhalb Jahren aus der Haft entlassen worden. Anschließend flog sie nach Kiew. Das Parlament in der Ukraine setzte Staatschef Viktor Janukowitsch ab. Nachdem der Ex-Präsident aus Kiew geflohen war, soll die neue Regierung nun nach ihm fahnden. Nach Medienangaben wird ihm die „Massentötung von Zivilisten“ vorgeworfen.

Hilfe für Verwundete und Angehörige

Nach der Flucht von Janukowitsch hatten am Samstag Demonstranten seine Privat-Villa gestürmt. Während die meisten Ukrainer knapp an der Armutsgrenze leben, fand man dort viele Reichtümer. Was man in seiner Privat-Villa vorgefunden habe, sei Sinnbild für all das, was in den vergangenen Jahren schief gelaufen sei, sagte Caritas-Direktor Waskowicz gegenüber Radio Vatikan. „Es war einfach im System verankert, dass die Menschen, die an der politischen Macht waren, sich durch Korruption, Geschäftemacherei und durch Verbindungen bereichern konnten“, so Waskowicz. Diese Ungerechtigkeit sei auch einer der Auslöser für die Proteste in der Ukraine gewesen.

Die Arbeit der Caritas konzentriere sich derzeit vor allem darauf, den verwundeten Demonstranten zu helfen. Diese benötigten medizinische, psychologische und auch geistliche Betreuung. Ebenso richte sich das Engagement der Caritas Ukraine auf diejenigen Menschen, die während der Massenproteste Angehörige verloren hätten. „Hier wollen wir Dienste einrichten, die diese Menschen in dieser schwierigen Zeit begleiten können“, so Waskowicz.

Landesweit Trauergottesdienste

Mit Trauergottesdiensten hatte die Bevölkerung in der ganzen Ukraine am Sonntag der mehr als 80 Toten der Straßenschlachten zwischen Polizisten und Demonstranten gedacht. Wie die griechisch-katholische Universität Lemberg am Donnerstag mitteilte, sei auch einer ihrer Mitarbeiter während der blutigen Zusammenstöße in Kiew tödlich verletzt worden. Bohdan Solchanyk war als Dozent für Neuere Geschichte an der Universität tätig.

Ein Priester spricht durch ein Megaphon zu den Polizisten und den Demonstranten in Kiew. KNA

Während der Trauergottesdienste in den orthodoxen Kirchen wurde ein Hirtenbrief des Moskauer Patriarchen Kyrill I. verlesen. Darin sprach er den Angehörigen sein Beileid aus und rief zu einem Ende der Unruhen in der Ukraine auf.

Auch die anderen Kirchen riefen zur Versöhnung auf. Das Oberhaupt der von Moskau abgespaltenen orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats, Filaret, sagte, die Menschen sollten ihre Feinde lieben. In einem TV-Interview sprach er sich für eine Bestrafung der Täter aus. Alle müssten sich für ihre Taten verantworten.

Filaret schlug der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats zugleich eine Wiedervereinigung beider Konfessionen vor. Angesichts der jetzigen Tragödie sollten beide Kirchen ihre seit mehr als 20 Jahren andauernde Teilung überwinden.

Kirchen warnen vor Teilung der Ukraine

Während der Umsturz in der Ukraine zwei Konfessionen einander annähert, vertieft er gleichzeitig die Spaltung des Landes. In einer am Wochenende veröffentlichen Erklärung warnte der Gesamtukrainische Rat der Kirchen und Religionsgemeinschaften vor einer Teilung des osteuropäischen Landes. In der Erklärung heißt es, der Rat „verurteilt kategorisch jede Diskussion über eine mögliche Teilung unseres Vaterlandes und jeden Versuch des Separatismus, der die Einheit und territoriale Integrität der Ukraine bedroht“. Eine Teilung sei eine „Sünde vor Gott und künftigen Generationen unseres Volkes“.

Die Religionsgemeinschaften verurteilen außerdem Provokationen zwischen nationalen Minderheiten und Konfessionen. Die Stellungnahme ist vom Ratsvorsitzenden, Metropolit Antonij, unterschrieben. Er ist Kanzler der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats.

Dem Rat der Kirchen und Religionsgemeinschaften gehören 18 christliche, muslimische und jüdische Glaubensgemeinschaften an. Er vertritt nach eigenen Angaben rund 75 Prozent der Ukrainer.

Besonders die zum Großteil von Russen bewohnte Halbinsel Krim droht mit einer Abspaltung von der Ukraine. Das Parlament in Kiew beschloss am Samstag ein Gesetz zur Verhinderung separatistischer Tendenzen. Demnach sollen die Sicherheitsdienste alle derartigen Anzeichen genau beobachten und gegen sie vorgehen.

Appell des Vize-Rektors der griechisch-katholischen Universität in Lemberg

Auch der Vize-Rektor der griechisch-katholischen Universität in Lemberg, Myroslav Marynovych, hatte in der vergangenen Woche vor einer Teilung des Landes gewarnt. „Eine mit Gewalt geteilte Ukraine wird der Welt keinen Frieden bringen, genauso wenig wie die zwangsweise Teilung von Polen und Deutschland der Welt Frieden gebracht hat“, sagte Marynovych in einer am vergangenen Mittwoch veröffentlichten Botschaft.

Gleichzeitig hatte der Vize-Rektor die Hilfslosigkeit angeprangert, mit der die Europäische Union dem blutigen Konflikt in der Ukraine entgegentrete, und Sanktionen gefordert. Mit Blick auf die politische Zukunft des Landes warnte er vor einem Schulterschluss mit Russland. „Putin zu hofieren bringt euch keine Sicherheit. Ihm die Kontrolle über die Ukraine zu überlassen würde den Weltfrieden noch mehr gefährden“, so Marynovych. (lek mit KNA/Radio Vatikan)

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