Gerangel um Freiwilligendienst „weltwärts“

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  • Berlin - 20.02.2014

Nach außen hin herrscht Harmonie. Der Freiwilligendienst „weltwärts“ wird in der Praxis offenbar gut angenommen. Seit dem Start 2008 haben zahlreiche junge Menschen die Möglichkeit genutzt, zwischen sechs Monaten und zwei Jahren in Entwicklungsprojekten mitzuarbeiten.

Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) schickte am Donnerstag in Berlin die 20.000. Teilnehmerin auf die Reise. Doch hinter den Kulissen brodelt es. Schuld daran ist der Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD. Dort heißt es, dass künftig nicht mehr Müllers Ministerium für das Programm zuständig sein soll, sondern das von seiner SPD-Kollegin Manuela Schwesig geführte Familienministerium.

AGEH äußert Bedenken

Stoff für neuen Krach in der großen Koalition? Das vielleicht nicht. Aber unter den aktuell rund 170 Entsendeorganisationen regt sich Unmut. Sie bringen die jungen Männer und Frauen nach Lateinamerika, Asien, Afrika oder Südosteuropa – und fühlen sich nach einigen Anlaufschwierigkeiten beim Entwicklungsministerium gut aufgehoben, wie die Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) betont.

„Wir haben lange gebraucht, um soweit zu kommen wie wir jetzt sind, nämlich ein Gemeinschaftswerk zwischen Zivilgesellschaft und Staat aufzubauen“, sagt AGEH-Geschäftsführer Michael Steeb. Der Chef des „Personaldienstes der deutschen Katholiken für Entwicklungszusammenarbeit“ befürchtet, „dass die entwicklungspolitische Perspektive bei einem Wechsel von ‚weltwärts‘ in die Zuständigkeit des Familienministeriums in den Hintergrund treten könnte.“

AGEH-Geschäftsführer Michael Steeb AGEH

Zu den AGEH-Mitgliedern gehören beispielsweise Vertreter von Misereor , Missio , Renovabis oder der Caritas . Insofern dürfte die AGEH ein guter Gradmesser für die Stimmung zumindest unter den kirchlichen Entsendern sein. Sie erhalten für die Durchführung des Programms, wie die anderen in diesem Bereich tätigen Organisationen auch, finanzielle Unterstützung durch den Staat. Das Entwicklungsministerium trägt 75 Prozent der Kosten, maximal 580 Euro je Freiwilligenmonat, zuzüglich Gesundheitskosten. Hinzu kommen Mittel für „programmbegleitende Maßnahmen und Rückkehrarbeit“.

30 Millionen Euro für „weltwärts“-Freiwillige

Für die 3.366 „weltwärts“-Freiwilligen 2013 standen rund 30 Millionen Euro zur Verfügung. Geld, ohne das das Angebot nicht zu stemmen wäre, wie AGEH-Geschäftsführer Steeb erläutert. Das Programm erfordere besondere Vorkehrungen, beispielsweise durch Schulungen vor dem Einsatz oder medizinische Begleitung bei einer Entsendung in die Tropen. „Es ist etwas anderes, ob jemand Freiwilligendienst in Frankreich oder Osttimor leistet.“ Gerade kleinere Organisationen seien dank der Unterstützung aus dem Entwicklungsministerium überhaupt erst in der Lage, junge Menschen aus Deutschland in die armen Länder des Südens zu senden.

Könnte sich durch den Zuständigkeitswechsel an der finanziellen Ausstattung von „weltwärts“ etwas ändern? „Das scheint momentan nicht zur Debatte zu stehen“, sagt Steeb, der diese Frage als zunächst zweitrangig bezeichnet. „Aber natürlich wäre es fatal, wenn die Programmmittel zurückgefahren würden.“ Einstweilen versuchen Steeb und seine Mitstreiter darauf zu drängen, dass die bisherigen Verhältnisse erhalten bleiben.

Das Familienministerium sieht in der Frage noch Klärungsbedarf und verweist auf ein Gespräch auf Staatssekretärsebene, das Anfang März stattfinden soll. Das Entwicklungsministerium (BMZ) hält dagegen. „Die Federführung ist und bleibt beim BMZ“, erklärt eine Sprecherin auf Anfrage. Das „weltwärts“-Programm sei vor sechs Jahren vom Ministerium ins Leben gerufen worden und von jeher „untrennbar mit der Entwicklungspolitik der Bundesregierung und unserem entwicklungspolitischen Bildungsauftrag verbunden“.

Dazu passt, dass Ressortchef Müller am Donnerstag den Startschuss für die sogenannte Nord-Süd-Komponente von „weltwärts“ gab und damit eine schon länger geforderte Erweiterung des Programms umsetzt. Erstmals sollen nun junge Menschen aus den Entwicklungsländern in gemeinnützigen Projekten in Deutschland arbeiten können.

Von Joachim Heinz

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