Humanitäre Katastrophe in Zentralafrika

  • Bangui - 13.02.2014

Die Vereinten Nationen werten die Lage in der Zentralafrikanischen Republik als eine „humanitäre Katastrophe von unaussprechlichen Ausmaßen“. Im Land seien massive ethnische und religiöse Säuberungen im Gang, erklärte UN-Flüchtlingskommissar Antonio Guterres nach einem Besuch am Mittwoch in der Hauptstadt Bangui. Er sprach von wahllosen Tötungen und Massakern. Die Gewalt sei geprägt von „schockierender Barbarei, Brutalität und Unmenschlichkeit“, so Guterres.

Der Erzbischof der zentralafrikanischen Hauptstadtdiözese, Dieudonné Nzapalainga, warnte vor einem drohenden Völkermord in seinem Heimatland. Die Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und Human Rights Watch sprachen von einem Exodus der muslimischen Bevölkerung.

UN-Menschenrechtskommissar Guterres verlangte von der internationalen Gemeinschaft eine Verstärkung ihrer Einsatzkräfte im Land. Selbst ein neuer Staatspräsident und eine neue Regierung könnten die Bürger nicht wirksam schützen. Vordringlich sei die Wiederherstellung von Sicherheit, Gesetz und Ordnung.

Vermittlung zwischen allen Akteuren

Guterres rief zu verstärkten Vermittlungsbemühungen auf. Daran seien alle Akteure „vor allem mit der Unterstützung religiöser Führer“ zu beteiligen. Allein seit Aufflammen des Konflikts im Dezember seien eine halbe Million Menschen vertrieben worden; insgesamt 2,5 Millionen hätten dringend Hilfe nötig.

Der UN-Menschenrechtskommissar lobte den Einsatz von Hilfswerken und Nichtregierungsorganisationen. Sie litten aber unter einer „dramatischen Unterfinanzierung“. Die Zentralafrikanische Republik falle durch das Raster der internationalen Aufmerksamkeit. „Das Land muss ebenso im Brennpunkt stehen wie Syrien und der Südsudan“, so Guterres.

Wie Ärzte ohne Grenzen Ende Januar berichtete, hat das Hilfswerk am Flughafen von Bangui eine Klinik mit 60 Betten eingerichtet. Auch in der Hauptstadt selbst leisteten Ärzte Hilfe für die Vertriebenen in den Klöstern Boy-Rabe und Don Bosco. Dort hätten mehrere Zehntausende Menschen Zuflucht gefunden. Weitere Teams der Organisation seien außerdem in mehreren Gesundheitszentren in der Stadt tätig.

‚Der Staat existiert nicht mehr‘

Im Interview mit dem Internetportal Weltkirche Anfang 2014 forderte Erzbischof Nzapalainga ein stärkeres Engagement der Vereinten Nationen in der Zentralafrikanischen Republik.

weltkirche.katholisch.de

Kein interreligiöser Konflikt

Erzbischof Nzapalainga betonte, es sei falsch, von einem interreligiösen Konflikt zu sprechen. Die Gruppierung der Anti-Balaka, die in den Medien oft als „christliche Milizen“ dargestellt würden, sehe er als eine „Selbstverteidigungsbewegung, die nun die Politiker abgehängt hat“, sagte er am Mittwoch dem Hilfswerk „Kirche in Not“ . Bereits Ende Januar hatte der Vorsitzende der nationalen Bischofskonferenz im Interview mit dem Internetportal Weltkirche ein stärkeres Engagement der Vereinten Nationen gefordert. Die gegenwärtige Militärpräsenz reiche angesichts der Größe des Landes bei weitem nicht aus.

Nzapalainga informierte nach eigenem Bekunden zwei Minister über ein mögliches Massaker in einem Dorf mit 200 Muslimen. Diese hätten jedoch ebenso wie christliche Milizen behauptet, die Menschen seien lediglich vertrieben worden. Auch bei einem Angriff von Seleka-Rebellen auf die christliche Bevölkerung in Bohong habe er sich an den Genozid von Ruanda vor 20 Jahren erinnert gefühlt, so der Erzbischof. Ein Teil eines Stadtviertels sei völlig niedergebrannt worden. „Man sah Knochen und menschliche Köpfe“, so Nzapalainga.

Human Rights Watch forderte die Präsidentin der Übergangsregierung, Catherine Samba-Panza, zu einer entschiedenen Haltung gegen Vergeltungsangriffe und Lynchattacken auf. Die Menschenrechtsorganisation befürchtete ein Ausbluten ganzer muslimischer Gemeinden. So hätten in der Stadt Yakole vor dem Konflikt rund 30.000 Muslime gelebt; Anfang Februar seien es noch 500 gewesen. Von den acht Moscheen in der Stadt sei lediglich eine übrig.

Viele Muslime im Land fliehen laut Human Rights Watch vor der Gewalt in den Tschad, nach Kamerun, Senegal und in die Demokratische Republik Kongo. Vom Flughafen Bangui seien schätzungsweise 50.000 Muslime ausgeflogen worden. Konvois von Flüchtlingen würden häufig angegriffen.

Hilfsflüge nach Bangui

Das Welternährungsprogramm WFP hat am Mittwoch mit Hilfsflügen in die Zentralafrikanische Republik begonnen. Inzwischen sei die Lage zu unsicher, um Güter auf dem Landweg zu transportieren. Nach Angaben der UN-Organisation landete ein gecharterter Jumbo mit 82 Tonnen Reis aus dem Nachbarstaat Kamerun in Bangui. In dem Land sind laut WFP infolge des Konflikts 1,25 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Angesichts des Kreislaufs der Gewalt und einer unterbrochenen Wirtschaft stehe die Republik vor einer noch schwereren Ernährungskrise, sagte die WFP-Regionaldirektorin für Westafrika, Denise Brown. Die kostspieligen Transportflüge seien nötig, um Betroffenen sofort zu helfen und zugleich die Magazine des WFP im Land vor Beginn der Regenzeit aufzufüllen. In den Monaten vor der nächsten Ernte erreichten die Versorgungsengpässe üblicherweise ihren Höhepunkt. (lek mit KNA)

© weltkirche.katholisch.de

Hintergrund

Ein Hintergrundpapier des Netzwerks Afrika Deutschland (NAD) zur Machtübernahme in der Zentralafrikanischen Republik können Sie hier als PDF herunterladen: