„Arm trifft auf arm“

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  • Aachen - 12.02.2014

In Genf wird wieder verhandelt – in Damaskus, Aleppo und Homs weiter gekämpft. Ein Ende des Konflikts in Syrien ist nicht in Sicht – allen Treffen am Grünen Tisch in der Schweiz zum Trotz. Unterdessen steigt die Zahl der Flüchtlinge weiter an. Martin Bröckelmann-Simon (56) hat sich im Libanon und im Nordirak ein Bild von der Lage gemacht. Der Geschäftsführer des Hilfswerks Misereor formuliert im Interview auch eine Botschaft an die Verantwortlichen in der Bundesrepublik: Angesichts der Not der Betroffenen müsse Deutschland sich stärker einbringen.

Frage: Herr Bröckelmann-Simon, Sie haben Auffanglager im Nordirak und im Libanon besucht. Wie unterscheidet sich die Lage der syrischen Flüchtlinge in den beiden Ländern?

Bröckelmann-Simon: Zunächst einmal in den Dimensionen. Der Nordirak hat gemessen an der dortigen Bevölkerung einen Zuwachs an Flüchtlingen um 5 Prozent zu verzeichnen. Der Libanon hingegen muss einen Zustrom von 33 Prozent verkraften. In absoluten Zahlen heißt das: Zu den vier Millionen Libanesen kommen inzwischen rund 1,3 Millionen Menschen aus Syrien.

Frage: Wie lange hält der Libanon das aus?

Bröckelmann-Simon: Das weiß niemand. Die Situation ist jedenfalls schon jetzt extrem angespannt. Anders als im kulturell und ethnisch weitgehend homogenen Nordirak, wo die dort lebenden Kurden ihre aus Syrien geflohenen Brüdern und Schwestern als Gäste empfangen, stoßen die Flüchtlinge im Libanon auf eine in vielerlei Hinsicht zersplitterte Gesellschaft. Hinzu kommen wirtschaftliche Engpässe und historische Belastungen. Der Libanon hat nicht die gleichen finanziellen Reserven wie der dank Ölförderung zu einem gewissen Wohlstand gekommene Nordirak.

Frage: Und die historischen Belastungen?

Bröckelmann-Simon: Die bestehen darin, dass Syrien lange Zeit Besatzungsmacht im Libanon war. Trotzdem leisten die Libanesen Enormes. Und das, obwohl Tag für Tag 3.000 weitere Menschen über die syrische Grenze ins Land kommen.

Frage: Was können in diesem Zusammenhang Misereor und die Partner leisten?

Bröckelmann-Simon: Rund 87 Prozent der Neuankömmlinge aus Syrien landen in den ohnehin benachteiligten Regionen Libanons, also zum Beispiel in den Dörfern der Bekaa-Ebene oder den Elendsquartieren der Hauptstadt Beirut. Arm trifft auf arm. Deswegen verfolgen wir mit unseren Partnern einen inklusiven Ansatz, kümmern uns also sowohl um die Eintreffenden als auch die selbst hilfsbedürftigen Aufnehmenden.

Frage: Was ist mit den Binnenvertriebenen in Syrien?

Misereor-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon besuchte in den vergangenen Tagen Flüchtlinge im Libanon und im Nordirak. KNA

Bröckelmann-Simon: Auch die können wir erreichen – allerdings nur über unsere syrischen Partner im Lande selbst. Für ausländische Mitarbeiter – auch aus den Nachbarstaaten – ist es viel zu gefährlich. Bei allem Elend ist für die Helfer eine Erleichterung, dass viele Dinge des täglichen Bedarfs noch im Land selbst zu bekommen sind, allerdings zu sehr überhöhten Preisen. Hilfsgüter-Konvois über die Grenzen brauchen wir also derzeit nicht. Ausnahme sind die abgeriegelten Gebiete, zum Beispiel in Teilen von Damaskus, Aleppo und Homs. Dort kommt niemand herein und niemand heraus. Hier könnten nur humanitäre Korridore helfen. Diese unmenschliche Taktik, Menschen durch Aushungern zur Aufgabe zu zwingen, verfolgen übrigens nicht nur die Regierungstruppen, sondern auch die Rebellen.

Frage: Umso dringender wären rasche Lösungen beim gerade angelaufenen zweiten Teil der Syrien-Konferenz in Genf. Mit welchen Erwartungen blicken die Menschen auf das Geschehen in der Schweiz?

Bröckelmann-Simon: Die Flüchtlinge scheinen mir sehr ernüchtert: Erwartungen haben sie keine, höchstens Hoffnungen oder Träume. Bislang spielten ihre Belange kaum eine Rolle – und das wird wohl einstweilen auch so bleiben. Andererseits wissen die Menschen: Es gibt kaum Alternativen zu den Verhandlungen. Unsere Partner vor Ort sagen: Ein Militärschlag der USA beispielsweise würde die verworrene Lage auch nicht lösen, zu unabsehbar wären die Folgen, auch mit Blick auf die in sich uneinige und mit islamistischem Terror kämpfende Opposition.

Frage: Welche konkreten Forderungen halten Sie als Hilfswerk für sinnvoll?

Bröckelmann-Simon: Man müsste zunächst einmal im Land selbst entmilitarisierte, international gesicherte Schutzzonen für die Vertriebenen im Lande einrichten, Korridore schaffen, um die Menschen in den abgeriegelten Gebieten zu erreichen und eine Waffenruhe durchsetzen. Aber jeder weiß – so richtig diese Forderungen sind, so unrealistisch scheinen sie zugleich.

Frage: Bleibt die Aufnahme von Flüchtlingen außerhalb des Krisengebiets. Wie bewerten Sie das bisherige Engagement Deutschlands?

Bröckelmann-Simon: Gewisse Anstrengungen sind zu erkennen. Seit Beginn des Konflikts haben schätzungsweise 25.000 Menschen auf eigene Faust hierzulande Zuflucht gefunden. Weiteren 10.000 Flüchtlingen haben wir offiziell Aufnahme zugesichert. Aber das ist angesichts des großen Elends viel zu wenig. Ich hielte die Aufnahme von bis zu 100.000 Flüchtlingen für mehr als gerechtfertigt.

Frage: Wären das nicht doch zu hohe Belastungen für Deutschland?

Bröckelmann-Simon: Wenn wir einen Vergleich zum Libanon ziehen, müssten wir 20 bis 25 Millionen Menschen aufnehmen.

Frage: Sollten Christen bevorzugt werden?

Bröckelmann-Simon: Unter den Flüchtlingen sind auch viele Christen; ihr Schicksal bekümmert uns sehr. Aber während des Bosnien-Kriegs zum Beispiel haben wir auch geholfen – und damals 320.000 Menschen, mehrheitlich Muslime, gastfreundlich aufgenommen. Im Vordergrund muss das Kriterium der Not stehen. Fragen der Konfession sind aus meiner Sicht zweitrangig. Die Sicherung von Jahrhunderten christlicher Präsenz im Nahen Osten muss auf anderem Wege erfolgen, sie kann meines Erachtens nach nicht über die Mechanismen der Flüchtlingsaufnahme hier in Deutschland geschehen.

Das Interview führte Joachim Heinz.

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Lesen Sie im Misereor-Blog von Martin Bröckelmann-Simons Reise in den Libanon und den Nord-Irak:

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