„Eine Giganterie“

  • Bamberg - 07.02.2014

Bei der Vergabe von Olympischen Spielen muss nach den Worten des Bamberger katholischen Erzbischofs Ludwig Schick die eigentliche Idee wieder im Mittelpunkt stehen. Im Interview kritisiert der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz die hohen Kosten in Sotschi und mahnt deutlichere Worte zu Menschenrechtsverletzungen an.

Frage: Herr Erzbischof, mit welchem Gefühl blicken Sie als Weltkirche-Bischof auf die Olympischen Spiele in Sotschi?

Schick: Mit sehr gemischten Gefühlen! Es ist natürlich schön, dass es solche Sportereignisse gibt, bei denen sich Sportler und Zuschauer aus aller Welt begegnen können. Die andere Seite aber ist, dass die Olympischen Spiele, besonders jetzt in Sotschi, zur Giganterie ausarten. Dazu gehören auch die unglaublichen Kosten, die sich nur noch einige wenige Staaten leisten können. Damit ist Sponsoring der Wirtschaft und Kommerzialisierung verbunden. Auch das verheerende Doping ist eine Folge davon. Die Olympischen Spiele werden politisch, wirtschaftlich, nationalistisch und für unnatürliche körperliche Hochleistungsshows missbraucht. Das muss aufhören!

Frage: In der olympischen Charta steht, dass die Spiele zu einer gerechteren Welt beitragen sollen. Wären da die Milliarden, die nun in Sotschi ausgegeben wurden, nicht woanders sinnvoller angelegt?

Schick: Natürlich ist in Sotschi zu viel Geld ausgegeben worden. Für eine gerechtere Welt wäre vieles davon woanders besser angelegt. Aber ich stehe hinter den Olympischen Spielen. Sie sollen weiter stattfinden, aber eben in einer anderen Form, mit der gemeinen olympischen Zielsetzung. Die Besinnung auf die olympischen Gedanken, das heißt neben sportlichen Leistungen, Völkerverständigung und Förderung des Friedens , wozu heute unbedingt die Bewahrung der Schöpfung gehört, ist dringend nötig. All das lässt in Sotschi sehr zu wünschen übrig.

Frage: Im Vorfeld wurde viel darüber diskutiert, ob Politiker die Spiele boykottieren sollen. Was halten Sie davon?

Erzbischof Ludwig Schick KNA

Schick: Boykotte haben nie viel gebracht: Ich denke etwa an die Spiele in der ehemaligen Sowjetunion oder den Ausschluss Südafrikas. Ziel muss vielmehr sein, dass es keine Debatten mehr über Boykotte geben muss. Menschenrechtsverletzungen in den Austragungsorten und Teilnehmerstaaten müssen schon bei der Planung deutlich zur Sprache gebracht werden.

Frage: Sollten Sportler ein Zeichen für die Menschenrechte setzen?

Schick: Natürlich sollten sich Sportler für die Menschenrechte einsetzen. Aber auch die Politik kann mehr tun und ebenso die Nationalen Olympischen Komitees. Sie werden mit viel Geld von den Staaten gefördert; über sie könnten Politiker mehr einfordern. Wichtig ist vor allem, dass IOC-Präsident Thomas Bach, den ich schätze, schon eine Debatte über die Zielsetzung und Ausrichtung der zukünftigen Olympischen Spiele angeregt hat. Gut so und viel Erfolg!

Frage: Ein anderer internationaler Sportwettbewerb, nämlich die Fußball-WM in Katar, macht mit Hunderten toten Bauarbeitern ebenfalls traurige Schlagzeilen. Ist die Reaktion der FIFA bisher angemessen?

Schick: Sport, der Leib und Geist fördern soll, und Tote auf den Baustellen für Sportanlagen, das passt nicht zusammen. Sport darf keine Menschenleben kosten. Die Verantwortlichen dürfen die Zustände in Katar auch nicht in Zweifel ziehen. Es gibt schließlich jede Menge Beweise, dass auf den Baustellen Menschen zu Schaden kommen. Die FIFA ist gefordert!

Frage: Braucht es bei der Vergabe von Sportereignissen andere Kriterien?

Schick: Darüber muss nachgedacht werden. Warum nicht die Olympischen Spiele in neutralen und kleineren Staaten abhalten, um politischen Missbrauch zu verhindern? Ein weiteres Problem ist die Kommerzialisierung, die gezügelt werden muss. Das alles dient nicht der Völkerverständigung und dem Frieden. Es braucht eine echte breite und offene Debatte über die olympische Idee und über die ethischen und moralischen Fragen bezüglich Sport und der Sportereignisse. Wenn ein Land die Menschenrechte verletzt oder für die Spiele große Umweltschäden anrichtet, darf es keine Spiele ausrichten.

Das Interview führte Christian Wölfel.

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