„Syrien ist die verlassenste Nation“

  • Aachen - 03.02.2014

Nein es ist und war nicht das Hornberger Schießen. Aber es war nicht viel mehr zu erwarten, als eine Erleichterung der Menschen in Homs durch humanitäre Lieferungen. Das Elend wird weitergehen, weil die syrische Rebellion von Anfang an nicht den Bonus von Europa zuerkannt bekam wie die in Ägypten, Tunesien, Jemen.

Dadurch, dass man dieser Bewegung auch nicht die Ernsthaftigkeit einer Befreiungsbewegung zuerkannte, war sie verraten. Dazu hatte das Regime zu viele hartnäckige Unterstützer – auch so a priori glaubwürdige Zeugen und Zuträger wie Jürgen Todenhöfer. Wenn man sich vorstellt, dass der deutsche Bundestagsabgeordnete Wolfgang Gehrcke mit Christiane Reymann in einem prominenten linken Verlag ein Buch herausbringen konnte mit dem unsäglichen Titel: „Syrien: Wie man einen säkularen Staat zerstört und eine Gesellschaft islamisiert“, weiß man, was ich meine. Dazu kam, dass man nicht entfernt so stark eingriff wie im Ägypten Mubaraks oder im auslaufenden Tunesien von Ben Ali, als der heimliche König Syriens aus der Dynastie der Assads von Anfang an diese Rebellion als Ausgeburt ausländischer Terroristen verdammte und auch gleich Bomben, Kanonen und Granaten auf sie abwarf.

„Die UNO kann nicht mal so viel tun, wie St. Egidio 1988 bis 1991 in Rom“

Die Konferenz zeigt auf erschreckende Weise, wie die UNO nicht nur nicht stärker, sondern schwächer geworden ist. Seit 1945 bzw. 1949 hat sich die Welt nun auf die UNO eingelassen und ihr doch auch eine eigene Völkerrechtspersönlichkeit zugesprochen. Aber es ist nichts im Sinne von Global Governance geschehen, sondern nur alles in Richtung internationaler Regelungen. Dass der eigentlich mächtigste Mann/Mensch der Erde, Ban Ki Moon, eine souveräne Entscheidung der Weltgemeinschaft – den Iran einzuladen – wieder zurücknehmen musste, war auch eine Schande. Die UNO kann nicht mal so viel tun, wie St. Egidio 1988 bis 1991 in Rom, als sie die beiden Bürgerkriegsparteien in Mozambique in das Kloster und die Kirchenräume in Roma-Trastevere einlud. Hinter der schmalbrüstigen UNO lugen immer die Agenten hervor, denen das Schicksal der Syrer ziemlich egal zu sein scheint.

„Syrer und ihr Status als verlassenste Nation“

Aber auch wir als Bürger in einem Europäischen Land sind gefragt. Wüssten wir um das Elend der Syrer und ihren Status als verlassenste Nation, würden wir unserer Regierung den Marsch blasen. Schon lange dürfte kein einziges Flugzeug der Regierung weiter die Bomben auf die Zivilbevölkerung abwerfen. Wie wir ja erfuhren, bleiben die Hauptquartiere der ISIS und anderer verbrecherischer fanatischer Organisationen in Raqqa und andernorts unbeschädigt. Die rein formale Anstrengung der Durchführung dieser Konferenz wird uns bei der nach dem Völkermord in Ruanda größten Menschenrechtskatastrophe in der Welt nach dem 2. Weltkrieg noch mal schwer um die Ohren geschlagen werden. Die Konferenz wird weitergehen. Kein Wort von den vier Millionen Menschen, die auf der Flucht sind, kein Wort der Klage über das Fluchtschicksal, das allein schon die Regierung diskreditiert. Warum mucken die Staaten wie die Türkei, das irakische Kurdistan, Jordanien, der Libanon nicht heftiger auf, zugunsten der Millionen Syrer, die wieder in ihre Heimatdörfer und ihre Felder bestellen wollen?

„Ganz besonders furchtbar erscheint uns die Entführung von Pater Paolo dall’Oglio“

Die Entführungen sind nicht mehr überschaubar. Ganz besonders furchtbar erscheint uns die Entführung von Pater Paolo dall’Oglio, weil er für die Rebellion der Syrer ganz besonders wichtig war. Er war der entscheidende Mann gerade aus dem christlichen Lager, der der Rebellion immer wieder die richtige Richtung gewiesen hat: In Richtung Menschenrechte, Koexistenz mehrerer Religionen und Ethnien, Demokratie, Christen nicht in Kollaboration mit einem Regime, sondern im Widerstand. Auch die zwei Bischöfe sind weiter entführt oder ermordet. Warum sind auf der Konferenz nicht die Belastungen der Kinder Syriens ein Thema, die aus der Traumatisierung gar nicht mehr herauskommen, wenn der Krieg nicht heute ein Ende hat?

Von Rupert Neudeck

Zur Person

Rupert Neudeck ist Theologe, Journalist, Gründer des Cap Anamur / Deutsche Not-Ärzte e. V. und Ehrenvorsitzender der "Grünhelme", die weltweit im interreligiösen Kontext humanitäre Arbeit leisten.

www.gruenhelme.de

Missio-Blog

Der Beitrag von Rupert Neudeck ist im Blog „Bedängte Christen“ des Internationalen Katholischen Missionswerks Missio in Aachen erschienen. Weitere Blog-Beiträge finden Sie unter

www.bedraengte-christen.de

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