Gebet inmitten des Protests

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  • Kiew - 24.01.2014

Von oben schaut die Berenhynia, Figur aus der slawischen Mythenwelt, hinunter auf den Maidan: Der Platz in der Kiewer Innenstadt ist seit Wochen von Demonstranten besetzt. Dort protestieren sie, seit Präsident Viktor Janukowitsch die Unterschrift unter das Assoziierungsabkommen mit der EU verweigerte und sich stattdessen wieder mehr Russland zuwandte. Eine große Zeltstadt haben sie errichtet, mit blau-gelben Fahnen und Barrikaden aus Autoreifen, Parkbänken und Schutt.

Zu Füßen der Berenhynia, gleich am Sockel des Unabhängigkeitsdenkmales, ein Zelt. Der Eingang ist mit Ikonen geschmückt. Es ist die „Kirche“ der Demonstranten auf dem Maidan. Im Inneren ist es eher dunkel. Wladimir steht vor der improvisierten Ikonenwand, eine alte Frau mit Kopftuch neben ihm. Der Mann um die 40 ist griechisch-katholischer Priester aus Stary Sambor in der Westukraine, kurz vor der Grenze zu Polen. Aber jetzt ist er im Herzen Kiews; dafür hat er sich freigenommen.

Beten für den Frieden

Der Ort hier sei ein Platz zum Gebet inmitten des Protests, sagt er: „Wir beten hier für den Frieden.“ Sie sagen den Leuten, sie sollen mit der Gewalt aufhören, die seit ein paar Tagen in den bislang friedlichen Protest eingezogen ist, die Tote forderte und viele Verletzte. Auf beiden Seiten gebe es Provokateure, die die Stimmung zusätzlich anheizten, sagt Wladimir, und: „Sie sollen damit aufhören.“

Damit ist er auf einer Linie mit der offiziellen Kirchenposition: Der Gesamtukrainische Rat der Kirchen und religiösen Organisationen appelliert an Regierung und Opposition, Verhandlungen aufzunehmen. Dafür bieten die Religionsgemeinschaften ihre Hilfe an. Das Oberhaupt der griechisch-katholischen Kirche des Landes, Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk, sagte, Gewalt sei niemals der Weg, um einen freien Staat zu errichten: „Blutvergießen wird nie die Herzen versöhnen oder ein positives Ergebnis bringen.“

Die "Kirche" auf dem Maidan. Ein Zelt, wo man beten kann. KNA

Was den Auslöser der Gewalt angeht, hat Schewtschuks Priester Wladimir eine klare Meinung: Die Verantwortung dafür liege klar bei der Regierung. Sie habe die Gesetze durchs Parlament gepeitscht; die Einschränkungen unter anderem der Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit seien unerträglich. Die Regierung höre nicht mehr auf ihr Volk. Millionen Menschen sollten nach Kiew kommen und hier demonstrieren und beten, findet er – natürlich friedlich. Ein Appell, der dringlich ist – denn die Atmosphäre ist seit Montag immer angespannter geworden; die Gewalt hinterlässt Spuren.

Offen für alle Konfessionen

In Wladimirs Zelt am Maidan sollen alle Konfessionen in der Ukraine beten können – alle gemeinsam. Nicht selbstverständlich in einem Land, in dem es allein mehrere orthodoxe christliche Kirchen gibt, deren Verhältnis nicht ungetrübt ist. So steht etwa die russisch-orthodoxe Kirche der Regierungspartei „Partei der Regionen“ näher als der Opposition. Sie hat ihre Gläubigen vor allem im Osten des Landes, wo auch die Wähler der Partei Janukowitschs herstammen. Der Präsident selbst soll sehr religiös sein; man erzählt, als junger Mann habe ihm ein Pope vorhergesagt, er werde einmal ein neues Land führen. Das bedeutet freilich nicht, dass der Einfluss der Kirchen auf die Politik allzu groß wäre; sie sind eher im sozialen Bereich tätig.

Und sie stellen einen gewissen Schutzraum, wie im Dezember. Damals protestierten Jugendliche gegen die Regierung; die Polizei löste die Veranstaltung auf und verfolgte sie. Etwa 200 junge Menschen flüchteten daraufhin ins Kloster St. Michael, ein paar hundert Meter vom Maidan entfernt. „Sie bekamen von uns zu essen. Sie waren nicht körperlich verletzt, aber ziemlich geschockt“, erzählt Pawel. Seinen ganzen Namen möchte er nicht verraten. Der Priester mit dem goldenen Kreuz um den Hals und dem kurzen Vollbart steht im Flur des ukrainisch-orthodoxen Priesterseminars des Kiewer Patriarchats, gleich neben der Klosterkirche. „Wir mischen uns nicht in die Politik ein, aber wir sind bei den Menschen“, sagt er noch, bevor er wieder nach draußen geht.

Von Thomas Arzner

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