„Wir bleiben“

  • Kabul/Freiburg - 23.01.2014

Bis Ende 2014 sollen die internationalen Sicherheitstruppen ISAF aus Afghanistan abgezogen sein. Julia Gietmann vom deutschen Hilfswerk Caritas international erklärt im Interview, warum das katholische Hilfswerk trotzdem bleibt und wie die Arbeit über die Präsidentschaftswahlen hinaus aussehen wird. Derzeit arbeiten 23 Personen für das Hilfswerk in Kabul, darunter ein Deutscher und ein Schweizer.

Frage: Bis Ende des Jahres wollen die ISAF-Truppen und mit ihnen die Bundeswehr aus Afghanistan abrücken. Was bedeutet das für den Einsatz der Caritas?

Gietmann: Das macht für unsere Arbeit in Afghanistan im Prinzip keinen Unterschied. Als Hilfsorganisation hatten und haben wir nur bedingt Berührungspunkte mit dem Militär in den abgelegenen Gebieten im afghanischen Hochland, wo wir tätig sind. Allerdings wird vermutlich die Aufmerksamkeit für Afghanistan mit dem Abzug nachlassen. Wir befürchten, dass dann auch weniger Geld für Hilfsprojekte zur Verfügung gestellt werden wird. Bisherige Zusagen der Bundesregierung gibt es nur bis 2016.

Frage: Also stand nicht zur Debatte, dass Sie auch abziehen?

Gietmann: Wir werden bleiben, solange es uns die Sicherheitslage erlaubt. Genauso wie unsere internationalen Partner und Hilfswerke. Der Anschlag von vergangener Woche hat jedoch wieder aufgezeigt, wie angespannt die Lage ist. In den vergangenen Jahren sind Kollegen und Bekannte von uns ums Leben gekommen, auch bei diesem Anschlag – das hinterlässt natürlich Spuren. Aber die Arbeit in Afghanistan, einem der ärmsten Länder der Welt, das seit 1973 quasi im Dauerkriegszustand ist, wird nie einfach aufhören, so dass wir das Gefühl haben, wir können gehen. Trotz massiver internationaler Unterstützung belegt Afghanistan noch immer Platz 175 auf dem UN-Entwicklungsindex von 187 Staaten. Der Bedarf an humanitärer Hilfe ist immens.

Die Hilfe der Caritas im zentralafghanischen Hochland ist auch von interreligiösem Dialog begleitet: Oliver Müller, Leiter von Caritas international, im Gespräch mit einem Mullah (rechts) in Daikundi. KNA

Frage: Was heißt das genau?

Gietmann: Das Land hat in den letzten 12 Jahren große soziale Umwälzungen erlebt. Die Zahl der Flüchtlinge , die zurückgekehrt sind, ist hoch, und die Zahl der Binnenflüchtlinge steigt. Allein in Kabul ist die Bevölkerung in kürzester Zeit um das Zehnfache gewachsen.

Frage: Darin könnte auch ein Potenzial stecken.

Gietmann: Ja, die Bevölkerung ist extrem jung, will lernen, arbeiten und sich ein Leben aufbauen. Aber ihre Chancen sind gering. Es gibt keine Industrie in Afghanistan; die gesamte Wirtschaft basiert hauptsächlich auf Drogenhandel und Korruption.

Frage: Welche Folgen hat das für die Bevölkerung?

Gietmann: Zum Beispiel die, dass die Zahl der Drogenabhängigen in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen ist. Sie wird aktuell auf 1 Million geschätzt, davon rund 60.000 Kinder unter 15 Jahren. Abhängig sind damit acht Prozent der afghanischen Erwachsenen, doppelt so viele wie im weltweiten Durchschnitt.

Frage: Von welchen Drogen reden wir?

Gietmann: Vor allem von Heroin und Opium. 74 Prozent der weltweiten Opium-Produktion stammen aus Afghanistan. Die psychosozialen Folgen sind katastrophal. Hier Hilfe zu leisten, gehört im Moment zu unseren Hauptaufgaben . Es gibt ja kein Sozialsystem.

Frage: Das heißt konkret?

Gietmann: Wir versuchen Leute vor Ort auszubilden, langfristig wirksame Strukturen aufzubauen. Aber das ist unter den aktuellen Bedingungen sehr schwer. Es fehlt an qualifizierten Kräften, die ausbilden können, sowohl lokal als international.

Frage: Wie wollen Sie das ändern?

Gietmann: Man braucht viel Geduld, das sind Prozesse, die nicht in den nächsten zwei Jahren in den Griff zu kriegen sind.

Frage: Caritas international ist seit 1984 in Afghanistan aktiv. Was hat sich seither verändert?

Gietmann: Einerseits unglaublich viel, auf der anderen Seite ist noch unglaublich viel zu tun. Als ich 2001 dort angefangen habe, gab es keine Telefone, keine Autos, viele Menschen kannten nicht einmal Feuerzeuge. Heute gibt es ein landesweites Mobilfunknetz und in jedem Dorf irgendwo einen Fernseher. Hilfsprojekte konnten insbesondere in der medizinischen und infrastrukturellen Basisversorgung einen wichtigen Beitrag leisten. Aber so ein Land innerhalb von zehn Jahren von 0 auf 100 bringen, das geht einfach nicht.

Frage: Werden die Präsidentschaftswahlen im April das vorantreiben?

Gietmann: Auf die Wahlen blicken die meisten besorgt und gespannt. Die Prognosen schwanken zwischen „neuem Bürgerkrieg“ und „es bleibt wie es ist“.

Das Interview führte Julia Rathcke

Caritas in Afghanistan

Mehr über die Projektarbeit von Caritas international in Afghanistan erfahren Sie auf der Webseite des Hilfswerks:

www.caritas-international.de

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