Millenniumsentwicklungsziele – ein Blick in die Zukunft

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  • Bonn - 20.01.2014

Angesichts der ernüchternden Bilanz bei den Millenniumsentwicklungszielen empfiehlt der honduranische Kardinal Oscar Andres Rodriguez Maradiaga der Weltgemeinschaft eine Gewissensprüfung. Die Staaten und die Vereinten Nationen müssten eine ehrliche Bilanz ziehen, sagte der Präsident von Caritas Internationalis am Samstag in Bonn. 2015 müsse man dann nach vorne schauen und sich neue Ziele setzen.

Der Kardinal äußerte sich im Rahmen des Don Bosco Forums 2014, das unter dem Motto „Ändert Bildung alles? Perspektiven für junge Menschen nach 2015“ stand und von der Entwicklungsorganisation Don Bosco Mondo durchgeführt wurde. Diese steht dem katholischen Salesianerorden nahe, dem der Kardinal angehört.

Im Jahr 2000 habe großer Optimismus geherrscht, so Rodriguez weiter. Im „Triumphalismus des neuen Jahrtausends“ habe man dann von „Millenniumszielen“ gesprochen, um bis 2015 die Armut weltweit zu halbieren und auch andere Phänomene von Elend und Unterentwicklung zu beseitigen. Tatsächlich sei nicht sehr viel geschehen; aus verschiedensten Gründen habe die Armut sogar zugenommen.

Kardinal vermisst Geschwisterlichkeit in der Politik

Rodriguez, der auch als Schirmherr der sogenannten Millenniums-Entschuldungskampagne fungierte, vermisst in der aktuellen Politik der Globalisierung vor allem Brüderlichkeit. Man habe Gleichheit ohne Freiheit erlebt – den Kommunismus; zudem Freiheit ohne Gleichheit – den Kapitalismus: „Brüderlichkeit ist aber nie gekommen.“

‚We cannot be satisfied‘

Kardinal Rodriguez Maradiaga zieht eine Bilanz der Millenniumsentwicklungsziele

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Der Kardinal leitet derzeit den Kardinalsrat von Papst Franziskus zur Reform der Römischen Kurie. Er nahm den neuen Papst aus Lateinamerika für seine jüngste Kapitalismuskritik in Schutz. Viele hätten das Messer gewetzt, ohne den Text des Papstes überhaupt gelesen zu haben. Franziskus sei nicht gegen, sondern für wirtschaftliche Fortschritte. Seine Kapitalismuskritik richte sich gegen die egoistische Ausrichtung der Globalisierung.

„Die Wirtschaft ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Wirtschaft“, sagte Rodriguez. Stattdessen sei der Markt zum modernen Goldenen Kalb geworden; die Politik sei längst der globalen Wirtschaft unterworfen. Daraus resultiere auch eine Politikmüdigkeit in vielen Demokratien der westlichen wie der Dritten Welt: Viele Wähler wendeten sich ab, weil sich durch ihre Stimmabgabe nichts ändere. Es brauche vor allem eine neue Orientierung am Allgemeinwohl, so der Kardinal.

„Die Wirtschaft ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Wirtschaft.“

— Kardinal Oscar Andres Rodriguez Maradiaga

Köhler erinnert an das 0,7-Prozent-Ziel

Neben dem honduranischen Kardinal nahm auch der frühere Bundespräsident Horst Köhler am Don Bosco Forum in Bonn teil. Er fordert von der neuen Bundesregierung deutlich mehr finanzielles Engagement für die Entwicklungszusammenarbeit. „Deutschland muss die 0,7 Prozent bringen, eindeutig“, sagte Köhler. Das sei „schon eine Frage der Glaubwürdigkeit“. Derzeit liefere das reiche Land gerade mal die Hälfte der international vereinbarten 0,7 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungshilfe ab.

Der frühere Bundespräsident, der derzeit mit einem Expertengremium der Vereinten Nationen Vorschläge für eine Fortführung der Millenniumsentwicklungsziele nach 2015 ausarbeitet, sprach sich sowohl für eine Emissionssteuer für Schadstoffe als auch für eine Finanztransaktionssteuer aus. Allerdings verspreche er sich von letzterer nur einen geringen Ertrag, da das Projekt schon in den Vorgesprächen zu stark verwässert werde.

Einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Länder der sogenannten Dritten Welt sieht Köhler darin, den illegalen Kapitalabfluss von dort auszutrocknen. Durch Steuerflucht, Unterschlagung und eine massive Rohstoffausbeutung durch ausländische Unternehmen bleibe viel zu wenig Geld im Land. Solche Verträge seien ungerecht, so der frühere Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF).

„Wir sitzen in einem Boot, wir helfen uns oder wir gehen unter.“

— Horst Köhler, Bundespräsident a. D.

Er forderte Deutschland und die westlichen Industrienationen auf, in der internationalen Debatte stärker von ihren Eigeninteressen abzusehen. „Nationale Interessen, ohne die Interessen der Armen zu beachten, sind keine guten Ziele“, so Köhler: „Wir sitzen in einem Boot, wir helfen uns oder wir gehen unter.“

Mehr arbeitsplatzfördernde Zusammenarbeit

Zudem forderte der frühere Bundespräsident von der Bundesrepublik mehr arbeitsplatzfördernde Entwicklungszusammenarbeit. „Wenn uns das nicht gelingt, wird das Ganze scheitern“, sagte Köhler. Wenn etwa die Länder Afrikas ihre Rohstoffe zunehmend selbst verarbeiteten, könnten sie auch selbst Arbeitsplätze schaffen.

Deutschland mit seinem hervorragenden Berufsbildungssystem müsse dabei mit Rat und Tat helfen, verlangte Köhler. Dies beziehe sich nicht nur auf Geld und technisches Lernen, sondern müsse auch „Emotion und Empathie“ umfassen. (lek mit KNA)

Millenniumsziele

Vertreter von 189 UNO-Mitgliedsländern haben im Jahr 2000 die Halbierung der weltweiten Armut bis 2015 beschlossen. In der sogenannten Millenniumserklärung verpflichteten sie sich zur Erreichung von acht Zielen, die das Leben von Millionen Menschen verbessern sollen.

Bis 2015 will die Staatengemeinschaft erreichen:

  • den Anteil der Weltbevölkerung, der unter extremer Armut und Hunger leidet, zu halbieren.
    Konnte der Anteil der Armen zwischen 1990 und 2005 von 1,8 auf 1,4 Milliarden Menschen gesenkt werden, so sehen Experten einen neuerlichen Anstieg durch die Wirtschafts- und Bankenkrise. Die Zahl der Hungernden hat zwar prozentual zur Weltbevölkerung abgenommen, stieg aber in absoluten Zahlen.
  • allen Kindern eine Grundschulausbildung zu ermöglichen.
    Insgesamt konnte der Anteil der Kinder in Entwicklungsländern, die eine Grundschule besuchen, von 83 auf 88 Prozent angehoben werden. Noch immer aber sind Millionen Jungen und Mädchen vom Recht auf Bildung ausgeschlossen.
  • die Gleichstellung der Geschlechter zu fördern und die Rolle der Frauen zu stärken.
    Große Rückstände gibt es weiterhin bei der Bezahlung und bei Bildungschancen. Zwei Drittel der beschäftigten Frauen in Entwicklungsländern arbeiten in prekären Arbeitsverhältnissen.
  • die Kindersterblichkeit zu verringern.
    Während 1990 noch zwölf Millionen Kinder im Alter unter fünf Jahren starben, lag die Zahl zuletzt bei neun Millionen. Krankheiten wie Masern, Kinderlähmung oder Durchfall konnten durch bessere Gesundheitsversorgung und Impfprogramme zurückgedrängt werden.
  • die Gesundheit der Mütter zu verbessern und ihre Sterblichkeitsrate um drei Viertel zu reduzieren.
  • HIV/AIDS, Malaria und andere übertragbare Krankheiten zu bekämpfen.
    Die Zahlen der HIV-Neuinfektionen und der Ausbreitung von Malaria und Tuberkulose sind rückläufig. Dennoch haben noch immer fast 70 Prozent der Behandlungsbedürftigen bei HIV/Aids keinen Zugang zu notwendigen Medikamenten. Hunderttausende Menschen sterben jedes Jahr an Malaria.
  • den Schutz der Umwelt durch ökologische Nachhaltigkeit zu verbessern.
    Im vergangenen Jahrzehnt sind auf der Welt jedes Jahr 13 Millionen Hektar Wald vernichtet worden. Ein Jahrzehnt zuvor waren es jährlich 16 Millionen Hektar. 1,2 Milliarden Menschen fehlt weiterhin sauberes Trinkwasser, mehr als zwei Milliarden der Zugang zu sanitären Einrichtungen.
  • eine weltweite Entwicklungspartnerschaft.
    Dazu zählen die Erhöhung der Entwicklungshilfe, Initiativen zur Entschuldung, ein besserer Marktzugang für Entwicklungsländer, der Zugang zu erschwinglichen Arzneimitteln und eine Verpflichtung aller Länder auf eine gute Regierungsführung.

(Quelle: KNA)

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