Zukunft ungewiss

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  • Essen - 10.01.2014

60.000 Flüchtlinge in Zelten: Das ist das Lager Domiz im Nordirak. Wie im Libanon und in Jordanien finden hier Opfer des syrischen Bürgerkriegs Zuflucht. Der Caritasverband im Bistum Essen hält als einziger deutscher Diözesancaritasverband seit rund sechs Jahren Kontakt in den Irak. Rudi Löffelsend, Irak-Beauftragter des Verbandes, hat das Lager gerade zum zehnten Mal besucht. Im Interview schildert er seine Eindrücke zu Beginn des neuen Jahres.

Frage: Herr Löffelsend, wie kommt es, dass sich die Essener Caritas im Irak engagiert?

Löffelsend: In unserem Bistum fanden nach dem Irak-Krieg 2003 viele Angehörige der christlichen Minderheit der Chaldäer Zuflucht. Und die haben uns immer wieder gesagt: „Tut was für den Irak.“ Seit 2007 engagieren wir uns dort.

Frage: Sie waren jetzt zum zehnten Mal im Flüchtlingslager Domiz. Wie präsentiert sich die Lage im Winter?

Löffelsend: Wir sind kurz vor den ersten Frosteinbrüchen nach Domiz gereist. Der Winter kam diesmal sehr spät. Zum Glück für die Menschen.

Frage: Warum?

Löffelsend: Viele sind im Sommer aus Syrien geflohen – mit nichts als den Sachen, die sie am Leib trugen. Badeschlappen, T-Shirts oder Hemden wären auch unter anderen Umständen kaum geeignet, heil durch die jetzt bevorstehende Kälteperiode zu kommen. Hinzu kommt, dass die Zelte, in denen die Menschen unterkommen, eher für sommerliche Temperaturen geeignet sind. Zwar sorgen offene Kerosinöfen für Wärme. Aber das wiederum erhöht die Brandgefahr. In den großen Lagern in Jordanien oder im Libanon ist die Lage teilweise noch bedrohlicher.

Frage: Bleiben wir trotzdem noch bei den syrischen Flüchtlingen im Irak. Wie steht es um das Engagement von Hilfsorganisationen – außer der Essener Caritas?

Löffelsend: Da ist nach wie vor sehr viel Luft nach oben. Immerhin konnten wir einige private Großspender dazu bewegen, sich über Sachspenden einzubringen. Gerade hat sich eine Firma aus Hongkong gemeldet, die 10.000 Paar Winterstiefel spenden will, die derzeit noch in Deutschland lagern. Mit einem anderen Helfer konnten wir ein Sportprojekt im Lager starten, das Kindern ein paar unbeschwerte Momente etwa beim Fußballspielen ermöglicht.

Frage: Wie steht es um die Infrastruktur eines solchen Lagers?

Camp Domiz im Nordirak: In Zelten und Hütten, gebaut aus Wellblech oder rohen Mauern, haben sich Geschäfte aller Art etabliert. KNA

Löffelsend: Derzeit ist ein Team des Technischen Hilfswerks dabei, eine provisorische Entwässerungsanlage aufzubauen, um zu verhindern, dass das Lager nach Regen- oder Schneefällen im Matsch versinkt. Das ging aber auch erst, nachdem ein Aufnahmestopp für Domiz verhängt wurde, weil erst dann entsprechende Planungen und Vorarbeiten anlaufen konnten.

Frage: Wo finden Neuankömmlinge jetzt Unterschlupf?

Löffelsend: In anderen Camps. Oder in den Städten der Provinz. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel haben wir in einem kleinen Dorf 40 Kilometer nordöstlich der Provinzhauptstadt Dohuk erlebt. Die überwiegend christlichen Bewohner dort haben 100 Glaubensgenossen aus Syrien aufgenommen. Die Menschen teilen, obwohl sie selbst nicht viel haben.

Frage: Das neue Jahr ist wenige Tage alt – welche Perspektiven haben die syrischen Flüchtlinge?

Löffelsend: Die Menschen stehen vor einer ungewissen Zukunft. Vom Bauchgefühl her wollen sie so schnell wie möglich zurück, aber das wird so schnell nicht möglich sein. Vor allem Christen geraten immer wieder zwischen die Fronten.

Frage: Laut neuesten Medienberichten breiten sich radikale Islamisten in der Region immer weiter aus. Können Sie das bestätigen?

Löffelsend: Ja – sowohl was den Norden des Irak betrifft als auch den Norden Syriens, aus dem viele Flüchtlinge im Irak stammen. Dort haben Al-Kaida-Kämpfer und Djihadisten aus Tschetschenien ein Schreckensregiment errichtet. Die sind über die Türkei eingereist und bedrohen die Menschen solange mit Tod, Plünderungen, Entführungen, bis sie nur noch einen Ausweg sehen: Raus aus Syrien.

Von Joachim Heinz

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Über 73.000 Kriegsopfer

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(KNA)

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(KNA)

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