„Wunderbarer Rückenwind“

  • © Bild: KNA
  • Essen - 20.12.2013

Das Jahr 2013 war ein intensives Jahr – für die Weltkirche wie für die Kirche in Deutschland. Nach dem Pontifikatswechsel von Benedikt XVI. zum ersten Papst aus Lateinamerika, Franziskus, macht Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck (49) im Interview einen großen Rückenwind für die deutsche Kirche aus, die zuletzt im Zuge der Limburger Krise stark kritisiert wurde.

Frage: Herr Bischof, kommt mit Papst Franziskus jetzt eine Lateinamerikanisierung der Kirche?

Overbeck: Natürlich hat der Stil von Papst Franziskus etwas sehr Eigenes. Die Nähe zu den Menschen, seine ungekünstelte Art im Umgang, die Herzlichkeit seiner Gesten und auch die Direktheit seiner Sprache zeichnen ihn aus – und sie sind auch typisch für die Kirche Lateinamerikas. Sie geben dem Ganzen eine Dynamik, die für uns alle segensreich ist.

Frage: Franziskus sagt, er habe eine „im Einsatz verbeulte Kirche“ und „Priester mit Stallgeruch“ lieber als eine glänzende Amtskirche. Das sind ungewohnte Worte.

Overbeck: Das sind lateinamerikanische Ausdrücke dafür, was Papst Benedikt XVI. immer mit dem Begriff der „Unmittelbarkeit der Kirche zu den Menschen“ versucht hat, zum Ausdruck zu bringen. Das Charisma des jetzigen Papstes ist ja stark jesuitisch geprägt. Der Gründer der Jesuiten, der heilige Ignatius von Loyola, sagte, es gehe darum, Christus zu den Menschen zu bringen und sich zu fragen: Was habe ich für Christus getan? Und da springt bei Papst Franziskus der Funke über – da sind die Menschen im Herzen berührt.

Frage: Was bedeutet das für das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat ?

Overbeck: Das ist ein wunderbarer Rückenwind und ein Segen für uns – auch angesichts der derzeit nicht leichten Lage der Kirche in Deutschland. Mit seiner Nähe zu den Menschen bewirkt der Papst einen deutlichen Anschub nach vorne. Einen Ansporn, den Mut zu besitzen, sich an den Stellen zu verändern, wo es angesagt ist, und sich in vielen Punkten neu aufzustellen.

Frage: Weltkirchlich ist man derzeit noch in den Papst-Flitterwochen – in Deutschland eher zwischen Franziskus und Franz-Peter. Die Causa Tebartz wirkt sich hier auch negativ auf das Spendenverhalten aus.

Die Lehrerin Pamela del Carmen Tripailaf Lefio beim Unterricht in der Grundschule in Temuco, Chile. Escher/Adveniat

Overbeck: Die Hilfswerke haben darauf sehr klare Hinweise gegeben in den Monaten, in denen der Konflikt schwelte. Ich hoffe, dass wir mit der bevorstehenden Adveniat-Kollekte zu Weihnachten wieder gute Ergebnisse erzielen. Die Armen, für die wir ja da sind, sollten nicht darunter zu leiden haben. Natürlich haben wir sehr wohl wahrgenommen, wie kritisch viele jetzt auf jede Form von Finanzgebaren der Kirche achten. So berichten mir viele Caritas-Sammlerinnen, wie anstrengend es sei, von Haus zu Haus zu gehen und diese Vorwürfe zu hören. Dabei wollten sie ja eigentlich um eine Gabe für Arme bitten.

Frage: Ausdrücklich oder indirekt wird auch von den deutschen Bischöfen ein „Franziskus-Style“ eingefordert, etwa in der Dienstwagen-Diskussion.

Overbeck: Die Frage stellt sich ja immer mit einer konkreten Aktion. Dass es keine Übertreibungen braucht, ist klar. Gleichzeitig muss man kühlen Kopf und Bescheidenheit bewahren und sich auch so verhalten. Solche Fragen beschäftigen mich natürlich schon immer – allerdings bekommen sie durch die Form, in der sie Papst Franziskus öffentlich vorlebt, natürlich eine andere Intensität.

Frage: Was halten Sie von der Idee eines „Pflicht-Aufenthalts“ in Lateinamerika oder Afrika für deutsche Bischöfe?

Overbeck: Wir leben heutzutage mit vielen weltkirchlichen und internationalen Kontakten. Man muss also nicht überall bis zum Ende der Welt gereist sein, um zu wissen, wie es dort ist. Im Sinne der vorherigen Frage muss man ja auch schauen, welches Geld man wofür ausgibt. Wer will, der ist heute weltaufgeklärt. Und wer nicht will, den können Sie hinschicken, wohin Sie wollen, der wird es auch nicht werden. Man sollte Entscheidungsträgern Gelegenheit geben, vor Ort solche Erfahrungen zu machen – aber einladend, nicht verpflichtend.

Frage: Ein Gedanke, den Franziskus immer wieder thematisiert, müsste in Deutschland eigentlich viel Unbehagen auslösen: Ein Christ kann Nächstenliebe nicht einfach auslagern an Professionelle, die das, etwa mit der Caritas, für einen erledigen. Tenor: Ich zahle Kirchensteuer, dann bin ich dieses Engagement los. Aber so funktioniert das nicht, sagt der Papst – man ist auch persönlich gefragt.

Overbeck: Erst mal ist es doch ein Segen, dass es diese Form der Caritas gibt: mit Kindergärten, Krankenhäusern, Altenheimen und anderen Institutionen, die Menschen in unterschiedlichsten Sorgen und Nöten beistehen. Natürlich enthebt das niemanden der Notwendigkeit, das ihm Mögliche im Alltag zu tun, dass die Caritas ein Gesicht bekommt. Das kann von einem aufmerksamen Gespräch über die Mitarbeit in einer Armenküche bis hin zur Freundlichkeit Menschen gegenüber gehen, die an der Haustür klingeln und um ein Butterbrot bitten. Ich gehöre nicht zu denen, die die Leute da gleichsam verhaften wollen.

Und was etwa Adveniat angeht: Der Ruf der Kirche in Deutschland ist in Lateinamerika auch deswegen so gut, weil viele dankbar sind für die Hilfe, die den Armen durch Spendengelder zugutekommt. Auch das ist Caritas. Mit Kirchen- und Pfarreibauten dort werden Liturgie und Seelsorge ermöglicht. Viele Menschen geben also hier in Deutschland Geld und setzen sich damit dafür ein, dass es anderen besser geht. Das sollten wir doch dankbar wahrnehmen.

Von Alexander Brüggemann

© KNA