Ein neuer Papst schürt Reformhoffnungen

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  • Vatikanstadt - 17.12.2013

Fassungslosigkeit und Euphorie lagen 2013 im Vatikan eng beieinander. Erstmals seit 719 Jahren verzichtete ein Papst freiwillig auf sein Amt. Erstmals wurde ein Lateinamerikaner an die Kirchenspitze gewählt. Der neue Papst Franziskus, der heute seinen 77. Geburtstag begeht, bringt frischen Wind, einen neuen Leitungsstil und viele Reformhoffnungen in die Kirche.

Der Amtsverzicht von Benedikt XVI. fand viel Respekt, traf aber auch auf Unverständnis. Die Kräfte des 85-Jährigen hatten rapide nachgelassen; er sah sich physisch dem universalen Leitungsamt nicht mehr gewachsen. Seine letzten Termine waren bewegend: Am 28. Februar verließ er den Vatikan per Hubschrauber Richtung Castel Gandolfo. Danach schlossen sich die Tore der Papstvilla, die Schweizergarde zog ab, das „deutsche“ Pontifikat ging zu Ende. Seither lebt der emeritierte Papst zurückgezogen in Gebet, Meditation und mit umfangreichem Briefverkehr in seinem kleinen Kloster im Vatikan.

Die Sedisvakanz stand, anders als 2005 nach dem Tod von Johannes Paul II., im Zeichen von Veränderung und Reform. Benedikt XVI. hatte die Kirche mit brillanten Ansprachen geleitet, den Dialog von Kirche und Zeitgeist forciert, Ökumene und interreligiösen Dialog vorangebracht und politische Zeichen gesetzt. Aber im Vatikan gab es immer wieder organisatorische Pannen: Regensburger Vortrag, „Williamson-Affäre“ oder „Vatileaks“. Im Vorkonklave forderten die Kardinäle Abhilfe.

Frischer Wind im Vatikan

Nach nur 26 Stunden Konklave stieg am 13. März um 19.07 Uhr weißer Rauch auf. Die Wahl des Argentiniers Jorge Mario Bergoglio war eine Überraschung. Viele hatten mit einem Jüngeren gerechnet. Aber schon mit seinem ersten unkonventionellen und tief frommen Auftritt auf der Mittelloggia des Petersdoms gewann der neue Pontifex viele Herzen.

Seither ist manches anders im Vatikan. Zusammen mit vielen Kurienprälaten wohnt Franziskus im Gästehaus Santa Marta und nicht im Apostolischen Palast. Er hat keinen eigenen Privatsekretär, sondern ein Sekretariat, und erledigt vieles selbst. In seinen ersten Amtsmonaten verschaffte er sich in zahlreichen Gesprächen einen Überblick über die Kurie. Schon bald berief er einen Kardinalsrat mit acht Mitgliedern, die ihn bei der Kurienreform unterstützen sollen.

Papst Franziskus segnet ein Kind. KNA

Franziskus beeindruckt die Menschen mit seiner Ausstrahlung, seiner Authentizität. Er spricht einfach und verständlich, bringt klare, mitunter zugespitzte Botschaften. Die Menschen strömen zu seinen Messen und Audienzen. Der Papst nimmt sich viel Zeit für die Fahrten im Jeep durch die Menge, grüßt Kranke und Behinderte, herzt Kinder.

Das Lehrschreiben „Evangelii Gaudium“

In seinem soeben erschienenen Lehrschreiben „Evangelii gaudium“ , einer Art Pontifikatsprogramm, hat er eine Neuausrichtung der Kirche auf allen Ebenen gefordert. Er will mehr Kollegialität und Synodalität an der Kirchenspitze. Es geht ihm um eine arme Kirche für die Armen , die auf die Menschen vor allem an der Peripherie zugeht. Und in der das Amt – einschließlich des Papstamtes – nicht Macht, sondern vor allem Dienst bedeutet.

Große politische Aufmerksamkeit fand Franziskus mit seinem Solidaritätsappell auf der Flüchtlingsinsel Lampedusa. Aber auch sein Weltgebetstag für Syrien unmittelbar vor der drohenden US-Militärintervention erfuhr religionsübergreifend und weltweit viel Beachtung. Als Heimspiel erwies sich seine erste Auslandsreise zum Weltjugendtag in Rio de Janeiro.

Zu viel Bergoglio – zu wenig Papst?

Der neue Stil an der Kirchenspitze gefällt freilich nicht allen. Seine Messen seien zu wenig feierlich, seinen Predigten fehle theologischer Tiefgang, und er amtiere immer noch mit einer provisorischen Regierungsmannschaft, ist zu hören. Manche halten seine Markt- und Wirtschaftskritik für zu „links“. Überhaupt sehe man zu viel Bergoglio und zu wenig Papst. Die Nähe zu den Menschen gehe zu Lasten der Würde des Petrusamtes.

Neun Monate nach seiner Wahl genießt Franziskus einen Vertrauensbonus in Medien und Öffentlichkeit. Viele seiner Anregungen werden als Reform, als Öffnung gefeiert, auch wenn Ähnliches bereits vom Vorgänger gesagt wurde. Unklar ist freilich, wie konkret diese Änderungen aussehen sollen: Etwa zu einem Kommunionsempfang für wiederverheiratete Geschiedene bekräftigt Bergoglio ausdrücklich die geltenden Normen der Kirche. Er verstehe sich als „Sohn der Kirche“, freilich offen für die Debatte.

Von Johannes Schidelko

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